16 Mai

Kritik ist kostbar

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

Die wichtigste Errungenschaft der letzten fünfhundert Jahre ist nicht die Wiederentdeckung Amerikas, nicht die Dampfmaschine, nicht die Druckkunst, nicht die Nutzbarmachung der Elektrizität, nicht Penicillin noch Impfstoffe; nicht das Fahrrad, nicht das Auto, nicht das Flugzeug, nicht der Computer, nicht das Internet.

 
Die wichtigste Errungenschaft der Geschichte überhaupt ist das Recht, die Fähigkeit und die Bereitschaft, eigenständig Fragen zu stellen, zu zweifeln und zu widersprechen - mithin Kritik zu üben und Kritik anzunehmen. Hierin sehe ich das wichtigste Zentrum westlicher Kulturen und den Hauptgrund für ihre besondere Stellung in der Welt. Aller wissenschaftliche, technische und medizinische Fortschritt fußt auf Zweifel, Kritik und der Bereitschaft, bisher für richtig Gehaltenes aufzuheben zugunsten besserer Einsichten. „Aufheben“ im Hegelschen Sinne: aufbewahren und überwinden gleichermaßen.

Auch aller humane und demokratische Fortschritt beruht auf Fragen, Zweifeln, Kritisieren und Widersprechen. Die Menschen-, Völker- und Bürgerrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in vielen demokratischen Verfassungen niedergelegt sind, sind die Frucht jahrhunderterlanger Kritik an teilweise tief verwurzelten, oft religiös und ideologisch – manchmal auch „wissenschaftlich“ - verfassten Ungerechtigkeiten, Bosheiten und Dummheiten.

Kritik schafft eine Fülle von Informationen, die ohne sie nicht zu Tage treten würden. In Jahrtausenden Zivilisationsgeschichte haben wir im Hinblick auf Verstehen und Gestalten der Welt nichts Besseres gefunden, als freie Wahrnehmung, freie Meinungsäußerung und kritischen Dialog, auch in Form von Streit. Die Geschichte lehrt, dass sich der jeweils dominierende Zeitgeist ebenso oder noch mehr geirrt hat, als jene, die ihm nicht zu folgen bereit waren. Nur oft mit viel schlimmeren Folgen - wenn Irrtum und Macht sich vermählen...

Halten wir in Ehren die sich vom Main-Stream nicht an die Kandare nehmen lassen. Auch und gerade die Sonderlinge und Wunderlinge. Ich verwahre mich gegen jene, die an Leuten wie Thilo Sarrazin, Boris Palmer, Xavier Naidoo und vielen anderen Ausschluss-Exzesse verüben. Für den nüchternen Analytiker Sarrazin kann ich sagen: wer ihm hetzerische oder menschenfeindliche, „islamophobe“ Motive und Aussagen unterstellt, hat ihn nicht gelesen oder lügt. Punkt. Auch Palmer, der manchmal durchaus undiplomatisch formuliert, wird dämonisiert, um seine Stimme auszuschalten.

Zu Xavier Naidoo: Manches, was er von sich gibt, halte ich für unausgegoren und falsch. Besonders deplatziert fand ich seine Liedzeile „Die Muslime tragen den neuen Judenstern“. Wer, wie ich, sich seit Jahrzehnten mit der Schoah, mit dem Judentum und auch mit dem Islam befasst, kann diese Zeile kaum aushalten. Dennoch käme ich nie auf die Idee, seine Auftritte zu unterbinden.

Die für diese Verbote unterwegs sind, wollen zweierlei: 1. Bestimmte Personen und Gruppen mund-tot machen. 2. Tausende, oft auch Millionen von Menschen ent-mündigen und bevormunden, indem sie diesen vorschreiben, was sie hören, lesen, denken und sagen dürfen. Quasi zu deren eigenem Schutz... Das ist anmaßend, antidemokratisch, aufklärungs-, rechtstaats- und grundgesetzfeindlich.

Die Feinde der Wahrnehmungs-, Denk- und Meinungsfreiheit, die Feinde eigenständigen Denkens, vor allem die offenen und verdeckten Mitläufer der „Antifa“, sind zu borniert, um das Ausmaß ihrer eigenen Beschränktheit auch nur zu ahnen. Von diesen selbsternannten Volkserziehern, die mir und vielen anderen geistig das Wasser nicht reichen können, will ich nicht erzogen und nicht geführt werden. Punkt.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 16. Mai 2020