Besatzungskinder

Als die amerikanischen Besatzer heimkehrten, ließen sie mehr zurück als gebrochene Herzen

Susanna Martinez und ihre Geschichte: Wie die Tochter eines GIs ihren Vater nach 31 Jahren wieder fand
Von unserem Redaktionsmitglied Susanne Räuchle

Die Gefühle schlagen in der Magengrube Alarm, das Herz pumpt wie verrückt, und der Suchblick irrt nervös durch die Ankunftshalle im Flughafen von Puerto Rico: Susanna Martinez, geborene Gertrud Emilie Wahl, ist gelandet. Nach 31 Jahren endlich angekommen im Land ihres Vaters, jenes großen Unbekannten in einer komplizierte Lebens-Gleichung, die sie erst 1977 löst. So lange gegrübelt, alle Möglichkeiten durchkalkuliert, aber damit hat sie dann doch nicht gerechnet: Er kommt auf sie zu, nimmt sie zitternd vor Aufregung in den Arm und bindet den Beziehungsfaden ganz einfach und wie selbstverständlich dort an, wo er im Oktober 1945 gerissen ist. "Wie geht es deiner Mutter?" sind die ersten Worte, die Susanna aus dem Munde ihres fremden Vaters hört.

Wie geht's der Mutter? Hinter dem verlegenen Lächeln lauert die bange, lange weg geschobene Frage: Wie ging's der Mutter damals, im Oktober 1945? Als der junge, schöne US-Soldat Ismael Martinez plötzlich abkommandiert wurde aus Neckarau, am Ende eines wilden, lebenshungrigen ersten Nachkriegssommers, der im Juni 1945 begonnen hatte.

Mannheim in Schutt und Asche, man jongliert am Rande fast vollständiger materieller und kulturell-geistiger Zerstörung. Auch die 24-jährige Hilde Gumbel ist eine Geschlagene: Ihr viel geliebter Mann Leo Gumbel war 1943 irgendwo in Russland gestorben. Ein "akuter Blinddarm" stand in der Todesnachricht. Doch wer glaubte das schon? Vielleicht war er irgendwo gefallen, wurde nicht mal mehr gefunden zwischen all den zerfetzten Leibern, nicht mal mehr verscharrt im gefrorenen Boden. Weg mit diesen Horror-Bildern - Hilde Gumbel, die 22-jährige Kriegerwitwe, kriecht wieder bei den Eltern unter, im dörflichen Neckarau, ins Nest, wo's noch ein bisschen was zu beißen gibt, wo noch ein Funken von Hoffnung und Glauben die eisige Kriegszeit erwärmt. Endlich, am Gründonnerstag, dem 29. März 1945, wehen auf schwarzen Ruinen nur noch weiße Fahnen. Für Mannheim ist der Krieg zu Ende . . . Hilde Gumbel, die hübsche junge Frau mit dem traurigem Blick hinter der Buchhalterbrille, die brave Tochter, sie versucht als Bankangestellte mit akkurater Sorgfalt bei der Volksbank den chaotischen Geldverkehr zu regulieren.

Dann sind sie plötzlich da und wirbeln als US-Besatzer den Trümmerstaub auf: junge temperamentvolle Männer voll Saft und Kraft, die Sieger, die trotz des Fraternisierungsverbotes die "Frauleins" anlachen. Ganz besonders strahlen die Puertoricaner, diese braun gebrannten Schönwettermenschen, da sprüht karibische Lebenslust in Neckarau auf, prallt ab am Fels der spießigen Kleinbürgerlichkeit, reißt aber ebenso viele begeistert mit. Wohl auch Hilde Gumbel. Ein schrecklich-schöner bitter-süßer heimlich-heißer Sommer 1945. Im Oktober wird Ismael abkommandiert. Hilde Gumbel hält von ihrem kurzen Glück nur noch einen Wisch mit der Heimatadresse, ein paar Ismael-Fotos und einen Fünf-Mark-Schein (den sie nie ausgeben wird) in den Händen. Und sie ist schwanger! Als sich die Vermutung für ganz Neckarau sichtbar zur Gewissheit abrundet, geht Hilde Gumbel durch die Hölle. Die Eltern, von den kreuzbraven katholischen Konventionen eingeengt, können sich über diesen Zuwachs nicht freuen, "die Schande" kaum ertragen. Die Pharisäer im Vorort tuscheln, ätzende Häme ergießt sich über die Familie.

Zur Entbindung verkriecht sich die "Schuldige" aufs Land, nach Hardheim bei Buchen, dort ist die Ernährungslage besser und die Entfernung größer: keine Blicke, keine Fragen. Am 15. März kommt ein zuckersüßes Mädchen auf die Welt, mit Glutäuglein und dunklem Teint, der wird durch den erzdeutschen Namen etwas weiß getauft: Gertrud Emilie Wahl, da erlischt jeder Gedanke an einen karibischen Funken.

Aber dann bricht der Zauber der winzig kleinen Gertrud doch alle Herzen und reißt die Zwänge ein: Sobald sie laufen kann, spaziert der Opa stolz mit seiner goldigen Enkelin an der Hand durch Neckarau. Nein, wie ist sie auch süß, so herausgeputzt mit Rüschenkleidchen, die dicken Haare mit Spucke gescheitelt und die Zöpfe stramm geflochten. Als Puppenmutti mit Zelluloidgretchen aus der Neckarauer Schildkröt strahlt sie in die Kamera. Da ist fast alles vergeben und vergessen. 1949 überwindet der Großvater Valentin Wahl seine Ressentiments, setzt sich hin und schreibt mit steiler, gestochen scharfer Schrift einen Brief an Ismael Martinez Rivera, Camuy, Puerto Rico. Ein Brief ins Blaue, ungewiss, ob die Adresse stimmt, viele andere Besatzungssoldaten hinterließen mit flüchtigem Gruß und Kuss eine falsche Anschrift. Ein Übersetzer bringt die förmlichen Worte in sauberes Spanisch und ab geht die Post. Und es kommt, oh Wunder!, eine Antwort. Ismaels ältere Schwester Lola nimmt Fühlung auf und lässt bald schon liebevolles Interesse an der deutschen Nichte einfließen. Sie selbst hat ein Sohn gleichen Alters und dankt nun der Vorsehung für dieses Gottesgeschenk, himmelweit weg und doch so nah. Der Vater Ismael Martinez lässt nichts von sich hören, heiratet 1950 eine Puertoricanerin. Drei Töchter kommen zur Welt, seine Frau ist rasend eifersüchtig auf das deutsche Vorleben. Da drücken ihn andere Sorgen, sucht er seine Ruhe im Hier und Jetzt. Aber die treue Lola schreibt und schreibt und packt Geschenke für little Gertrud: Der Neckarauer Opa schickt Dank retour an die liebe Lolita, oder Lola oder Loli: "1 Paar weiße Halbschuhe, 1 Stück Seidenstoff, 3 Paar Halbstrümpfe, 1 Glas und 1 Schachtel Bonbons, 2 Unterhosen," quittiert er förmlich den Erhalt der schönen Sachen, und seine Befangenheit sucht in Floskeln Zuflucht: "Zur Zeit haben wir Winter hier." Ganze Ordner voller Zuneigung und Wärme, mit deutscher Gründlichkeit abgeheftet, findet Susanna Martinez später, als sie sich längst nicht mehr Gertrud nennen will.

Aber nicht nur dieses Wohlgelittensein hat sie gespürt in ihrer Jugend, da war immer auch ein Stachel im Fleisch. Dieses Unausgesprochene, das sich wie ein Trauerflor über die Kindheit legte. "Immer der leise Zweifel, die Angst, eine Last zu sein." Sie schnappt das Wort Ami-Bankert auf, das klingt böse. Deshalb will dieses Kind alles gut machen, bockt nicht, passt sich an. Auch als die Mutter Hilde Gumbel 1952 den viel älteren Richard Kramer heiratet und mit ihrer Kleinen zu ihm an den Speckweg zieht. 57 Jahre alt ist der Stiefvater, aber immerhin, ein integrer Sozialdemokrat, der Gertrud seinen Namen gibt. Jetzt ist sie legitimiert. Und funktioniert. Mit sechs Jahren kann sie schon Schnitzel panieren und backen, so viel Anstelligkeit schmeckt den Großen. Auch auf den Stiefbruder Robert, der 1955 geboren wird, passt sie gerne auf, und in der Waldschule macht das aparte dunkle Mädchen nie Probleme, ist etwas Besonders und will es nicht sein. Die Buben schwärmen für Gertrud, ihr Klassenkamerad und späterer Ehemann Hans-Peter Schwöbel verguckt sich damals schon in die Samtaugen. Realschule, Wirtschaftsabitur, ein schnurgerader Kurs. Schwöbel (heute als Kabarettist und Professor bekannt) sieht seine Flamme wieder und kriegt sie mit Komik und karibischen Fantastereien von einer Hühnerfarm rum: 1967 wird geheiratet, 1969 biegt Gertrud Schwöbel als Lehrerin in die Beamtenlaufbahn ein.

Das Ungewisse bleibt, die Mutter schweigt, verdrängt die ismaelische Geschichte. Tochter Gertrud treibt es hinaus in die weite Welt, 1973 geht sie für zwei Jahre an die International American School nach Mogadischu. In Somalia krallt sich diese Sehnsucht fest, diese dringende existenzielle Frage nach dem Woher, das Wissenwollen lässt sie nun nicht mehr los. 1977 ist es soweit: Sie fliegt. "Ich habe meine Wurzeln gefunden!" telegrafiert sie ihrem Mann in den Iran. Der sitzt in Teheran und arbeitet für seine Dissertation an einem Alphabetisierungsprojekt, während seine Frau in ihr anderes Ich abtaucht und in Puerto Rico in einem Meer der Zuneigung schwimmt, das alle Zweifel des Nichtgewolltseins wegspült.

"Eine Lücke hat sich geschlossen," sagt sie heute, ein Vierteljahrhundert nach der Vaterbegegnung. Das Ereignis zieht Folgen nach sich: Gertrud schüttelt ihren altdeutschen Namen ab und nennt sich fortan nach ihrer Neckarauer Großmutter Susanna und nach ihrem
Vater Martinez. Es öffnen sich Schleusen, es fließen Gedichte aus ihr und finden Form in drei Büchern (erschienen im Feuerbaum Verlag). Elf Mal flog Susanna Martinez schon in ihre andere Heimat. Dort wartet der heute 79-jährige Vater, auch Tante Lola, nun 90 Jahre alt lebt, liebt und lacht noch, und die Riesenverwandtschaft reicht Susanna und ihren Mann "Juanito" von einem kreolischen Festessen zum anderen - fast wie im Märchen.

© Mannheimer Morgen - 23.04.2002