21 Aug

Potemkinsche Dörfer – Marke Eigenbau 1

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

 

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Foto: Hans-Peter Schwöbel

„Respekt, wer’s selber macht!“ Sicher ist Ihnen dieser Werbespruch schon ins ungeschützte Ohr gedrungen. Hier wird ein Milieu beschmeichelt, dem „Respekt!“ wichtiger ist als Achtung. Respekt kann man einfordern, und sei es mit Brüllen, Drohen und auf die eigene Brust Trommeln. Achtung kann man sich nur verdienen. Zwischen diesen Persönlichkeitsqualitäten und Wertschätzungsimpulsen liegen Welten (1). So fein können Kulturunterschiede sein.



Zur Zeit erleben wir, wie „der Westen“ unter beschämenden Bedingungen in Afghanistan einen beschleunigten Rückzug vollzieht... Außenminister Maas, Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer und Bundeskanzlerin Merkel verkünden unzerknirscht: „Wir haben die Lage falsch eingeschätzt.“ Auf die Frage, wer denn „wir“ seien, kommt die Antwort: „Alle!“

Hier entpuppt sich das scheinbare Eingeständnis eigenen Versagens als Fortsetzung der üblichen Unverfrorenheiten; denn selbstverständlich gibt es seit Jahren Stimmen, die vor den Entwicklungen in Afghanistan warnen, die jetzt ins Chaos umschlagen (2). Die können für Deutschland Folgen haben, die über die Wir-Schaffen-Das-Dynamik seit 2015 hinausgehen.

Abgesehen von afghanischen und islamischen Besonderheiten (z.B. Clangesellschaft und Scharia), die im Westen nicht begriffen werden (wollen), ist es unvernünftig zu glauben, die afghanischen Soldaten würden ihr Leben einsetzen und ihre Familien zusätzlich gefährden, indem sie den Rückzug von Verbündeten decken, die das Land längst aufgegeben haben. Mit energischem Widerstand gegen die Taliban hätte die afghanische Armee deren Machtergreifung allenfalls um ein paar Wochen verzögern können, wären aber dann ihrer hemmungslosen Rache ausgeliefert. Die Bilder, die wir zu sehen bekämen, wären noch beschämender als die aktuellen. Das Feld vor den Taliban zu räumen, entspringt bei den afghanischen Soldaten - ob Gefreiter oder General - nachvollziehbarem Überlebens-Kalkül. Eine Fülle weiterer Beweggründe sind damit natürlich nicht ausgeschlossen.

Für einen geordneten Rückzug der USA und ihrer Alliierten ist es nicht Wochen oder Monate zu spät, es sind viele Jahre. Nicht zufällig erinnern uns die Bilder aus Kabul an jene aus Saigon, Ende April 1975.

Die hohe Politik in Deutschland sollte nicht andere dafür verantwortlich machen, dass sie den Täuschungen Potemkinscher Dörfer zum Opfer gefallen ist, die sie selbst mit errichtet hat. Die Investitionen des Westens erweisen sich nun teilweise als Entwicklungshilfe für die Taliban. Dies geschieht nicht zum ersten Mal.



(1) Siehe meinen Essay: Achtung – Rücksichtnahme – Vertrauen – Kooperation. In Hans-Peter Schwöbel: Vom Fleisch der ewigen Vergänglichkeit. Essays und Plädoyers I. Zweite Auflage. Verlag der Ostwestfalen-Akademie 2021. Seite 121 ff.

(2) Siehe dazu unter Anderen: Oliver Maksan und Fatina Keilani: Wer das Land kennt, ist vom rasanten Fall Afghanistans nicht überrascht. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), digital, 18.08.2021. Ebenso: Andrea Spalinger: Trotz Milliardenhilfe ist die vom Westen aufgebaute afghanische Armee in wenigen Tagen zusammengebrochen – wie war das möglich? NZZ digital, 16.08.2021.

Fortsetzung folgt.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 21. August 2021