10 Aug

Gespenster gehen um

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

Zum Gelingen Deutschlands nach 1945 trägt entscheidend bei, dass wir uns - nach Jahren des Sträubens - in den 1960er und folgenden Jahren des letzten Jahrhunderts als Deutsche dazu durchgerungen haben, uns mit den monströsen Dummheiten und Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus tiefgreifend auseinanderzusetzen. Was da geleistet wurde und wird, sind wirkungsvolle Kulturrevolutionen pro Humanum.

Dankbar dürfen wir daher folgenden Bericht entgegennehmen: „Bei der Gedenkstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Bundestag bescheinigte der ehemalige israelische Botschafter in Berlin, Avi Primor, den Deutschen eine vorbildliche Rolle bei der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte. Deutschland sei mit der Zeit in Sachen Erinnerung und Gewissensforschung weltweit ganz vorbildlich geworden, sagte der 79-Jährige. ‚Mit so einem Deutschland trauere ich gern zusammen.’ Primor verwies darauf, dass andere Staaten mit Denkmälern und Gedenkstätten an große Siege erinnerten und Helden würdigten, die dem Vaterland Ruhm gebracht hätten. Aber - fuhr der Diplomat mit Blick auf den Nationalsozialismus fort – ‚wo haben Sie jemals weltweit eine Nation gesehen, die Denkmäler baut, um sich an die eigene Schande, an das eigene Verbrechen zu erinnern?’ Das hätten bis heute nur die Deutschen getan. Primor war von 1993 bis 1999 Botschafter Israels in Deutschland.“ (Deutsche Welle, November 2014)

 

 

Avi Primors Urteil gilt nach wie vor.

Demgegenüber halte ich die seit Jahren grassierenden Rassismusvorwürfe in vielen Fällen für Verleumdungen, die es auf die Ausgrenzung unbequemer Geister abgesehen haben. Dass diese Verleumder und Spalter sich selbst als „links“ einstufen, bewahrt sie vor jedem selbstkritischen Innehalten. Zu den ak-tuellen Schieflagen in den Debatten trägt bei, dass wir uns den monströsen Dummheiten und Menschheitsverbrechen des „Sozialismus“ Marke Sowjet-Union, DDR, China und anderen zwischen 1917 und 1990 (und darüber hin-aus) nicht in gleicher Weise entgegenstellen wie dem Nationalsozialismus. Anders ist die Unverfrorenheit nicht zu erklären, mit der zur Zeit alte Gespenster wieder umgehen, wie der Ruf nach „klassenloser Gesellschaft“, „Enteignung“ und anderem Irrsinn, der weltweit so drastisch gescheitert ist. Ebenso der Furor, mit dem Anderswahrnehmende und Andersdenkende als „rechts = rechtspopulistisch = rechtsextrem“ gebrandmarkt werden. Die Außerkraftsetzung demokratischer und rechtsstaatlicher Verfahren ist in bestimmen „linken“ Milieus zur Routine geworden. Sachverstand und abwägendes Denken gelten nichts - selbstempfundene moralische Überlegenheit erlaubt alles. So entfalten sich die politischen Dynamiken, die zum Totalitarismus führen.

In der Geschichte der Menschheit hat es niemals klassenlose Gesellschaften gegeben, allenfalls sehr viel schärfere Varianten als die, die wir kennen, wie etwa Stammes-, Feudal- oder Kastengesellschaften. Die weiland „klassenlosen“ Gesellschaften von Eisenach bis Wladiwostok, von Bukarest bis Peking und Havanna sind Beispiele an brutaler Unterdrückung der Völker durch überwältigende Minderheiten. Dazu gibt es eine Fülle an Literatur, Filmen und wissenschaftlichen Befunden und Analysen. Sehr zu empfehlen sind u. a. die Romane, Erzählungen und Essays der Nobelpreisträgerin Herta Müller.

Gerade Deutschland ist es in den Jahren nach dem Kriege gelungen, gesellschaftliche Unterschiede zu entschärfen, Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu entfalten, sowie soziale Mobilität zu fördern. Dies gering zu schätzen, erweist sich als verantwortungslose Geschichtslosigkeit und Dummheit.

Alle historischen Versuche, klassenlose Gesellschaften herbeizuzwingen, ha-ben Ozeane von Blut und Berge von Leichen hervorgebracht. „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Damit beginnt das „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Karl Marx und Friedrich Engels (London 1848). Die beiden meinten dies damals ironisch. Sie ahnten nicht, wie unironisch ihr Gespenst dereinst in der Welt wüten sollte. Marx und Engels mögen wir ihre Irrtümer nachsehen, obgleich sie auch zu ihrer Zeit von klugen Leuten als solche erkannt wurden. Unseren zeitgenössischen Dampfplauderern und „linken“ Recht-Habern aber dürfen wir ihre Übergriffe gegen die geistige Selbstbestimmung und den Aufrechten Gang nicht durchgehen lassen.

Siehe auch: SCHWÖBELS WACHE. Heureka-Schriftenreihe. Verlag der Ostwestfalen-Akademie. Borgentreich 2019. S 52 ff.