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Gemälde: Waltraud Gossel (Ausschnitt)
„Geschmack ist das Vermögen, Qualität zu beurteilen.“
Hans-Peter Schwöbel
Wir Menschen unterscheiden uns intellektuell, emotional und moralisch im Umgang mit unseren Mängeln, etwa mit unserer unaufhebbaren informationellen Unvollkommenheit.
Erstrebenswert im Sinne demokratischer und wissenschaftlicher Kompetenz und der Reduktion informationeller Defizite wäre: Sich Informationen nicht einfach vorsetzen zu lassen, sondern aktiv aufzusuchen, Medien und Quellen vergleichen und Qualitätsstandards entwickeln. Immanuel Kant: „Geschmack ist das Vermögen, Qualität zu beurteilen.“
Kant entzieht die Kategorie „Geschmack“ also der Beliebigkeit, die in Sätzen zum Ausdruck kommt, wie: „Über Geschmack lässt sich streiten.“ Oder sein Gegenteil: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten.“ Beide Volksweisheiten widersprechen einander und meinen doch das Gleiche: Volatilität. Kant überwindet diese Blockade, indem er den Geschmack in den Status eines Lerngutes, ja in ein Signum persönlicher und kultureller Reife hebt.
Kant hat recht; denn wäre es anders, gäbe es keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Philosophie, keine technologischen Weiterentwicklungen, keine hohe Handwerkskunst, kein anspruchsvolles Alltagsbrauchtum. Qualität erschließen wir uns nicht mit Messen, Wiegen und Skalieren, sondern über das höchst komplexe Vermögen Geschmack. Geschmack ist eine systemische Eigenschaft von Persönlichkeit und Kultur.
Geschmacksbildung ist daher eine der wichtigsten Lernziele familialer, schulischer und insgesamt gesellschaftlicher Persönlichkeits- und Kulturentwicklung. Dieses Ansinnen ist sehr anspruchsvoll. Wir werden es niemals vollkommen erfüllen können. Es gilt aber, unablässig danach zu streben; denn alles, was uns in dieser Hinsicht nicht gelingt, schmälert unsere Möglichkeiten, die Ressourcen unserer Epoche emanzipatorisch zu nutzen, unsere Menschwerdung zu vertiefen und unsere Kultur(en) zu bereichern.
Wann damit beginnen? Bei meinen Auftritten Poesie – Satire – Dialekt empfehle ich nur scheinbar ironisch, bereits das Kind im Mutterleib mit bestimmten musikalischen und sprachlichen Wahrnehmungen geistig und emotional zu nähren und zu fördern. Die Entwicklungspsychologie der Menschwerdung im Mutterleib und die des Kleinkindes bestätigt den Einfluss von Klängen, Farben, Wörtern, Gefühlen und Gedanken auf die frühkindliche Persönlichkeitsentwicklung. Und natürlich auch die Abwesenheit all dieser Impulse und Erfahrungen. Die Ich-Werdung des Menschen und seine Enkulturation beginnt im Mutterleib. Ebenso wie das Scheitern von Beidem.
Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 18.04.2026








