Jetzt als Podcast anhören:

Hans-Peter Schwöbel
Foto: Thomas Henne
Linkes Über-Ich…
Hans-Peter Schwöbel
Es war Anfang der 80er Jahre. Mit meinem Kabarett-Programm hatte ich einen Auftritt nahe Köln. In der Pause kam ein Zuschauer zu mir an den Büchertisch und sagte: „Das ist ja gewaltig, was Sie hier bieten. Ich kannte Ihren Namen nicht, bin eher zufällig hereingeschneit und konnte nicht ahnen, was ich versäumt hätte, wenn ich Sie nicht gesehen hätte. Großartig, Ihr Auftritt!“
In diesem Moment übernahm das linke Über-Ich das Kommando in meinem Kopf und ließ mich folgenden Satz sagen: „Ach, nein, das ist doch nichts Besonderes! Das kann jeder, wenn er sich darauf konzentriert und entsprechend Arbeit investiert.“ Darauf erwiderte der freundliche Herr: „Herr Schwöbel, ich bitte Sie! Es gibt massenhaft Menschen, die könnten sich hundert Jahre konzentrieren und investieren und würden keinen Bruchteil dessen hervorbringen, was Sie zeigen. Ich glaube, das wissen Sie auch!“
Ich schämte mich, weil er natürlich recht hatte. Ich hatte mich meinem linken Über-Ich gebeugt. Diese Begegnung war mir eine Lehre – nicht die erste und nicht die letzte. Es dauerte lange, bis ich die Macht meines linken Über-Ichs überwinden konnte.
In mir war die Leugnung meiner besonderen Begabungen und Fähigkeiten besonders stark, weil der Linksismus auf den Boden meines familialen Pietismus gefallen war, bei dem galt: Sich klein machen und auf keinen Fall wichtig nehmen. Stolz auf seine eigenen Fähigkeiten war in diesem Milieu eine Sünde.
In der Schule wurde ich von Lehrern und Schulräten ausnahmslos als hochbegabt eingeschätzt. Es gab Schulräte, die durch Mannheim zogen und über mich sagten: „In der Waldschule gibt es einen ungewöhnlichen Buben. So einen habe ich in 30 Jahren Schuldienst nicht erlebt.“ Und es gab Lehrer, die mich in bestimmten Fächern wie ein Zirkuspferd vor verschiedenen Klassen auftreten ließen. Natürlich kam ich nicht auf die Idee, dies meinem Vater zu erzählen. Da hätte ich nur einmal mehr was in die Fresse gekriegt. Meine Mutter wäre vielleicht stolz gewesen. Aber sie war schwere Alkoholikerin und hatte auch sonst andere Interessen.
In meinem Erwachsenenleben dauerte es eine Weile, bis ich begriffen hatte, dass bei vielen Linken Bescheidenheit eine Geste auf der Bühne und vor allem ein Anspruch an Andere ist. Zuerst haben sie ihre Karriere im Blick. Dass sie mit „Haltung“ und wohlfeiler Kritik am „Kapitalismus“, "Kolonialismus", „Imperialismus“, „Patriarchat“, „Rassismus“, „Faschismus“ und „Nationalismus“ (habe ich etwas vergessen?) gut verdienen, nehmen sie zähneknirschend in Kauf.
Auch sie sind Opfer des Kapitalismus. Sie müssen sich die Taschen füllen. „Das System“ lässt ihnen keine Wahl. Exemplarisch zeigt ein gewisser Sänger und Musiker aus dem Ruhrgebiet dieses Muster. Seine Brüllorgien lassen die Lautsprecher scheppern: „Keinen Millimeter nach rechts!!! Keinen einzigen Millimeter nach rechts!!!“
Kein Mensch weiß, was in komplexen Systemen ein Millimeter sein soll, auch nicht in literarisch übertragenem Sinne. Der „Künstler“ will Andersdenkende niederbrüllen: Er liefert scheinmutiges Mitläufertum und erntet stürmischen Beifall.
Das wohl dümmste linke Dogma lautet: Alle Menschen sind gleich. Das ist das Gegenteil von der kostbaren Idee der Gleichberechtigung. Mit diesem Irrsinn zerstört man jede aufklärerische, emanzipatorische, wissenschaftsbasierte und demokratische Kultur.
Dazu mehr in weiteren Der Schwöbel-Blog am Samstag.
Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 21.03.2026








