Der Schwöbel-BLOG am Samstag

Fehler-Ball spielen

 

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Seppl Herberger: Der Ball ist rund. Foto: Hans-Peter Schwöbel

Warum sind Menschen so verrückt auf Fußballspiele? Seppl Herberger sagt: „Weil se nädd wisse, wie’s ausgeht.“ Genau! Aber es kommt noch etwas dazu: Fußball ist ein Fehler-Spiel par excellence.

Das heißt nicht, dass in diesem Spiel auch Fehler gemacht werden. Fehler-Spiel bedeutet: Es passieren andauernd Fehler. Fehler sind die Seele des Fußballspiels. Es gibt wenige Dinge im Leben, bei denen Gelingen und Scheitern so nahe beieinander liegen und sich so schnell abwechseln. So entstehen Wechselbäder zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt: bipolar. Wir sind offenbar in der Lage, dies zu genießen.

Dass ein Torwart den Ball abwirft, seine Vorderleute übers ganze Feld spielen und den Ball ins gegnerische Tor sensen, ohne dass etwas dazwischenkommt, geschieht so gut wie nie. Zwei Mannschaften kämpfen 90, 95 oder auch 120 Minuten miteinander. In der Bundesliga erzielen sie im Schnitt ca. 3,5 Tore pro Spiel. Dabei ist Ziel die ganze Zeit, Tore zu schießen. Zum Vergleich: Handball wird 60 Minuten lang gespielt, und es werden über 50 Tore geworfen. Handball ist kein Fehler-Spiel, auch wenn hier natürlich auch Fehler gemacht werden.

Scheitern kann im Fußball so eindrucksvoll sein wie Gelingen. Ein satter Pfostenschuss kann mehr Adrenalin und Dopamin ins Blut schießen lassen als ein reingenuscheltes Tor. Was wäre der Fußball ohne all die Schüsse, die beinahe rein gegangen wären.

Die Koordination Auge-Fuß ist schwieriger als die zwischen Auge und Hand. Die Evolution hat Hand und Arm zum Werkzeug geformt, Bein und Fuß zum Gehzeug. Wenn’s um den Werkzeugcharakter von Gliedmaßen geht, könnte man den Beinen und Füßen einen evolutionären Behindertenstatus zuerkennen – verglichen mit den Armen und Händen.

Mit dem Fuß kann man den Ball stoßen, schlenzen und stoppen, streicheln, kicken und kloppen; man kann dribbeln und flanken. Aber man kann ihn nicht packen, wie mit den Händen. Außerdem ist der Abstand Auge – Fuß viel weiter als der, Auge – Hand. Es ist schwerer in hohem Tempo, den Ball und die Umgebung gleichzeitig zu beobachten. Da kommt es auf etwas an, was man „peripheres Sehen“ nennen kann: Über den Tellerrand hinausschauen. Die besten Spieler lassen kein Auge vom Ball an ihren Füßen und sehen doch den Mitspieler, der vier oder auch vierzig Meter weiter in einen Raum läuft, in dem ihn der Pass fuß- und kopfgerecht erreicht. Und das bei hohem Tempo.

Bei der aktuellen Fußball-Europameisterschaft der Frauen ist in vielen Spielen diese hinreißende Kopf-, Körper- und Fußkunst auf hohem Niveau zu genießen. Mann, können diese Frauen kicken! Was mir besonders gefällt: Während sich im Männerfußball seit Jahren Elemente von Wrestling breit machen, wird bei den Frauen wenig gefoult. Ohne dass das Spiel dadurch an Dramatik verlöre. Bravo und weiter so!

Aber: bitte hören Sie auf mit den Kniefällen vor dem Spiel. Diese sind kein Beitrag zum Aufrechten Gang. Im Gegenteil: Gebeugte Knie zeigen gebeugte Menschen. Und das ist genau das, was jene sehen wollen, die Sie zu dieser unwürdigen Geste nötigen.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 30. Juli 2022

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