Im Walde pfeifen

„Global denken, lokal handeln!“ Es ist noch nicht lange her, da dies geflügelte Wort in aller Munde war und durch viele Ohren flatterte.

Das Motto motiviert Denken und Handeln. Das Kleine erfüllt sich im Großen. Das Große wirkt im Kleinen. Da keine Macht der Welt die weltumspannenden Gefahren einfach abschalten kann, müssen sie vor allem durch massenhaft verändertes Handeln und Unterlassen im Kleinen überwunden oder so weit gebändigt werden, dass Handlungsoptionen offen bleiben.

Die Parole ist weitgehend aus der öffentlichen Debatte verschwunden, obwohl die Wucht der Globalisierung weiter zunimmt. Weltweit verlaufen Verluste an Arten- und Sprachenvielfalt parallel und beschleunigen sich. Das Bevölkerungswachstum in Afrika und in arabischen und asiatischen Ländern hält an. Ebenso die Übernutzung unersetzlicher Ressourcen. Die Klimakrise verschärft sich rapide. In einer hiesigen Zeitung fand ich die Frage, ob die diesjährige Hitzeperiode nicht doch von der Klimaerwärmung komme. Da quietscht die Logik. Ebenso könnte man fragen, ob die Hitze von der Hitze kommt... Dahinter steckt die Unterscheidung zwischen dem Wetter hier und dem Klima irgendwo. Wetter und Klima sind aber nur verschiedene Aspekte ein und desselben weltweiten Zusammenhangs. Nicht die Hitzeperiode in Europa kommt von der Klimaerwärmung – sie ist Teil der Klimakrise, wie die Klimakrise Teil des aktuellen Wetters ist. Immer noch hoffen wir, die globalen und lokalen Krisen liegen erst vor uns. Nein, wir stecken längst mittendrin.

Als Weltgemeinschaft leben wir, als hätten wir Reserve-Erden im Keller. Kaum jemand ist ganz frei von der Illusion, wie sie sich im Rheinischen Grundgesetz der Jecken manifestiert: „Et hätt noch emmer joot jejange!“ Oder, wie Hölderlin in seiner Hymne „Patmos“ hofft: „...Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch...“. Auch so kann man im Walde pfeifen. Diese Volks- und Poetenweisheiten treten den realen Gefahren mit einer Art Abwehrzauber entgegen: Magie pur.

Nein, es geht nicht immer gut. Und das Rettende wächst nicht von alleine. Wir müssen es pflanzen und pflegen. Dazu brauchen wir aufgeklärte Politik und Medien, die kritische Wahrnehmung und Gefahrenanalyse nicht unter Tabu stellen und Warner nicht ausgrenzen. Besonders aber sollte jeder – lokal handeln! – in seiner Stadt, seiner Region, vor seiner Haustür, in seinem Garten, bei seinen Mobilitäts- und Konsumgewohnheiten, bei seinem Energieverbrauch Veränderungen vornehmen. Damit wir dies qualifiziert können, müssen wir uns kontinuierlich über die krisenhaften Sachverhalte informieren, um sie eigenständig zu verstehen.

 

WOCHENBLATT Mannheim

18. Oktober 2018