Geborgen im Wärmestrom: Heimat

Festvortrag zum Jubiläum
Fünfundzwanzig Jahre Heimatmuseum Seckenheim
Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

Narrativ Heimat

„Heimat ist eine Erzählung! Und Heimat kann man nur pflegen, indem man Geschichten er-zählt!“ Dieser Satz stammt von Edgar Reitz, dem Filmemacher, der uns die unvergesslichen Heimat-Filme geschenkt hat. Die meisten Älteren erkennen ihr Leben wieder in den Ge-schichten des virtuellen aber realistischen und exemplarischen Dorfes Schabbach im Huns-rück. Dabei muss Heimat nicht nur in dörflichen Geschichten, Figuren und Bildern erzählt werden. Die Stadt in all ihren Varianten eignet sich ebenso – jedenfalls solange der Geist der Stadt lebendig ist.

28 Wassertürme auf Mannheimer Gemarkung leisteten einst Beiträge zur Wasserversorgung der Gemeinwesen. Heute sind sie Skulpturen im Öffentlichen Raum, Wahrzeichen der Ein-heit und der Vielfalt unserer Heimat im Mündungsgebiet des Neckars in den Rhein. Secken-heim darf man bei dieser Gelegenheit gratulieren zu seinem besonders markanten, sehr männlichen „Glatzkobb“. Ebenso zum Puhlzabbe-Brunnen, von dem wir wünschen, dass er bald an zentraler Stelle den Öffentlichen Raum wieder schmückt als Wahr- und Heimatzei-chen Seckenheims.

Auch die Pflüge, Eggen, Räder und anderen Werkzeuge und Einrichtungen im Seckenhei-mer Heimatmuseum sind heute Skulpturen. Hautnah erleben wir im Heimatmuseum, dass Hand-Werk und Kunst benachbarte Denk-, Erlebnis- und Handlungskulturen sind mit flie-ßenden Grenzen zwischen ihnen.

Weltbürger und Regionalist

Ich verstehe mich als Weltbürger und als Regionalist. Unendlich viele Fäden verweben mich mit Menschen, Regionen und Epochen der ganzen Welt. Weltbürger bin ich, weil alles, was ich körperlich und geistig aufnehme und von mir gebe, aus der Welt kommt und in die Welt geht.

Dessen ungeachtet bin ich in besonderer Weise Europäer, Deutscher, Kurpfälzer, Mann-heimer, Wallstadter oder Seckenheimer. Weil meine persönliche Identität und die Kultur, in der ich lebe, Erfahrungen, Tiefen, Reichweiten, Verdichtungen, Verzweigungen und Dynamiken umfasst, die durch die Tatsache, Kind der Einen Welt zu sein, nicht ausrei-chend bestimmt werden. Die vielschichtigen Aspekte individueller Persönlichkeit und ge-meinschaftlicher Kultur erfüllen sich ineinander. So können wir der Welt begegnen, die wir brauchen. Und die uns braucht – als die, die wir sind.

Susanne Gaschke, WELT AM SONNTAG, 01. April 2018:
„Linke wie liberale Fortschrittsliebhaber hassen den Begriff ‚Heimat’. Dabei braucht... je-der Mensch etwas, das bleibt, wie es ist, um den ständigen und unvermeidlichen Wandel der Welt auszuhalten. Dieses elementare Verlangen nach Sicherheit und Stabilität zeigt sich bei Kindern: Weil sie sich selbst so schnell und so stark verändern, sind sie die kon-servativsten Wesen überhaupt, abhängig von Verlässlichkeit, Routine und Bezugsperso-nen. An Kindern wird deutlich, wie sehr Bindung ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Die Linken hingegen denken bei Heimat reflexartig an Gartenzwerge, Bergdoktorfilme und an die familiäre Enge, der sie glücklicherweise entflohen sind. Sie halten Heimat für eine konservative, eine rechte, ja eigentlich eine Nazi-Idee. Dabei waren die Nationalso-zialisten alles andere als konservativ. Sie gingen über Räume und Völker, Sozialordnun-gen und Leichen. Menschen aber, und das müssten die Linken irgendwann einmal ein-sehen, wollen normalerweise keine Revolution in Permanenz. Sie wollen sich auskennen in ihrer Welt, in ihrer Zeit.“

Wie präsent diese von Susanne Gaschke zu Recht kritisierte, verworrene Vorstellung von Heimat ist, konnten wir kürzlich wieder erleben, als die Hilfsorganisation medico internati-onal mit dem ungeheuerlichen Aufruf an die Öffentlichkeit trat: Solidarität STATT Heimat.

Beschleunigung, Ent-Ortung, Ent-Bindung

Bedrohliche Aspekte der Globalisierung sind eine fortwährende Beschleunigung aller Prozesse und die Ent-Ortung und Ent-Bindung des Menschen und seiner Gemein-schaften. Viele reagieren darauf, indem sie sich auf ein Leben in permanenter Vorläu-figkeit und Heimatlosigkeit einlassen. Dabei vollziehen sie irrationale Überhöhungen an sich positiver Errungenschaften wie Mobilität und Vielfalt.

Was emanzipatorische Substanz haben könnte, führt vielfach zu Entfremdung, Ent-heimatung und zur Auslieferung an globalistische Kräfte, denen mehr an ihrem als an unserem Wohl gelegen ist. (Ich muss die globalen Konzerne, die unsere Kommunika-tion steuern, unsere Daten abschöpfen und danach trachten, uns geistig zu verein-nahmen, hier nicht beim Namen nennen. Wir kennen sie alle. Allerdings nicht so gut, wie sie uns kennen...)

Die unkritischen Mitläufer dieses Zeitgeistes merken nicht, wie sehr sie im Alltag von jenen getragen werden, die sich der Entwertung von Kontinuität, Stabilität und der Auslöschung von Erinnerung und Zukunft entgegenstellen. Globalisierungschauvinis-mus, also die unkritische Verherrlichung globaler Prozesse, ist genauso gefährlich wie der entsprechende Nationalchauvinismus.

Nie habe ich verstanden, warum jemand, der Ordnung liebt und seine Umgebung achtsam behandelt, ein Spießer sein soll, und jener, der seinen Dreck liegen lässt, wo er geht und steht, ein cooler Typ. Viele Städte in Deutschland leiden unter Verschmut-zung. Beschwerden darüber werden an die Stadtverwaltungen gerichtet, die beim Thema Sauberkeit (wie auch bei den Themen Lärm und Sicherheit) ihrer Sorgfalts-pflicht nicht ausreichend nachkämen. Diese Klagen sind oft begründet. Aber die ent-scheidenden Ursachen liegen in der jahrzehntelangen demonstrativen Verachtung der Begegnungs- und Identifikationsräume Heimat und Öffentlicher Raum.

Generationen von Kabarettisten haben sich schlapp gelacht über den „Spießer“, der auf den Zustand seiner Lebenswelt achtet. Legendär der Hohn, der über die Schwäbi-sche Kehrwoche ausgeschüttet wurde. Dabei zelebrierten diese Bühnen-Populisten nur ihre eigenen Ressentiments , um damit billigen aber lukrativen Beifall einzuheim-sen.

Heimat

Als seelisches Empfinden entsteht Heimat durch lebenslange, vor allem frühkindliche Erfahrung: Bestimmte Gerüche, Geräusche, Stimmen, Berührungen, Licht-, Struktur-, Schatten- und Farberfahrungen, bestimmte Wärme- und Kälteerlebnisse, konkrete Dorf- und Stadtbilder, bestimmte Architektur und Wohnweisen; Freundschaften, Zärt-lichkeit, Leiden, Animositäten; Klima-, Raum- und Zeiterfahrungen prägen sich ein; Jahreszeiten mit ihren spezifischen Ausformungen in der Natur und in den Lebensge-wohnheiten ; Tagesrhythmen als natürliche und soziale Strukturen.

Heimat bildet sich aus als besondere Verbundenheit mit einem bestimmten Land, ei-ner Landschaft, mit ihren Menschen, ihrer Sprache, ihren Beziehungen, Gewohnhei-ten, Fähigkeiten, Hoffnungen, Nöten, Ängsten und Mängeln. Heimat gelingt besonders glaubwürdig als Verwirklichung eines starken Verantwortungsbewusstseins für Men-schen, Häuser, Straßen und Landschaften. Heimat entwickelt sich nicht nur harmo-nisch. Sie weist Brüche, Illusionen, Enttäuschungen, Verluste auf. Wir lieben Heimat. Wir leiden Heimat.

Heimat steht für Geborgenheit und Wärmestrom, für Dauer und Verwurzeltsein, für Überschaubarkeit und Wiedererkennen; gegen den flüchtigen Augenblick, gegen die Unendlichkeit des Alls und die Allmacht der Imperialismen. Heimat spüren wir beson-ders eindrücklich bei Abschied und Wiederkehr.

Heimat ist kein präziser geographischer Ort, den man in einen Pass eintragen könnte. Horizont, Dynamik und Komposition von Heimat sind sehr von persönlichen und von Gruppenerfahrungen geprägt. Heimat ist im Leben von einzelnen Menschen und von Gemeinschaften Wandlungen unterworfen, wächst, schrumpft, verändert sich. Heimat ist, indem sie wird. Ein Mensch kann mehr als eine Heimat haben, aber sicher nicht beliebig viele. Viele Menschen können von einer bestimmten Region als ihrer zweiten Heimat sprechen. Von einer 10. oder 20. Heimat habe ich jedenfalls noch nichts gehört.

Heimat ist Nische und gerade deshalb nicht getrennt vom Rest der Welt, sondern mit dieser verbunden durch die Flure unserer Neugierden, Erwartungen, Erfahrungen, Beziehungen und Abhängigkeiten..., Heimat ist Kultur und Natur worin wir leben.

Die Welt wächst zusammen, Europa wächst zusammen. Oder, verhaltener gesagt: sie können zusammenwachsen. Auf eine sehr reale Weise Europäer und Weltbürger zu werden, gehört zu den Chancen unserer Epoche. Aber diese Weltgesellschaft wird veröden, verblöden und in Orgien von Hass versinken, wenn wir nicht gleichzeitig Heimat pflegen und entwickeln.

Auch die Probleme Afrikas und anderer Regionen der sogenannten Dritten Welt können nicht bewältigt werden, ohne Menschen, die dort ihre Heimat lieben und gestalten. Angesichts einer Weltbevölkerung von demnächst acht Milliarden Menschen, können gewaltige Völkerwanderungen die grundlegenden Probleme unserer Zeit ganz sicher nicht lösen, auch und gerade weil sie mit massenhaften Entheimatungen in den Herkunfts- und in den Ankunftsregionen einhergehen.

„Heimat ist eine Erzählung! Und Heimat kann man nur pflegen, indem man Geschichten erzählt!“ Ich weiß nicht, ob die Aktivisten und Unterstützer des Seckenheimer Heimatmuseums diese Äußerung von Edgar Reitz kannten. Jedenfalls handeln sie danach. Und heute besteht Gelegenheit, uns bei diesen treuen, kundigen und ausdauernden lieben Freunden unserer Heimat zu bedanken.

Heimat ist Erzählung. Der entsprechende Fachbegriff heißt Narrativ. Ich benutze das Fremdwort, weil es in den letzten Jahren auch in den allgemeinen Medien immer wieder vorkommt. Und es sagt genauer, was gemeint ist, als das deutsche Wort Erzählung. Der Begriff ist umfassender und gleichzeitig genauer. So können wir ihn auch auf (scheinbar) sprachlose Gegenstände anwenden. Das wunderbare Seckenheimer Heimatmuseum, aber auch die Pläne, Handlungen und sozialen Beziehungen seiner Aktivisten bilden ein Narrativ das unzählige weitere Narrative in sich birgt.

Das Heimatmuseum ist Kenner und Hüter unserer Alltagserinnerungen. Die Gegenstände und die Beziehungen zwischen diesen Gegenständen und den Menschen, die sie betrachten, berühren und studieren dürfen, die Ausstellungen und Vorträge, die das Heimatmuseum bietet, können uns helfen, Veränderungen in unserer Welt zu deuten, ihnen Sinn zu verleihen oder sie als Humbug zu entlarven.

Geht vor allem mit Kindern und Jugendlichen ins Heimatmuseum. Gerade sie brauchen in der Welt des Tatschens, Wischens, Glotzens und Verschwindens handfeste Anschauung und Befassung. Lasst Dinge sprechen, singen und erzählen. Der Kampf um unsere Seelen ist niemals endgültig gewonnen oder endgültig verloren.

Noch ist nicht ausgemacht, ob uns nicht doch gelingt, Kommunikationstechniken, wie den Computer in all seinen Erscheinungsformen samt der globalen Netzwerke und der Algorithmen, als das zu erkennen und zu nutzen, was sie sind, nämlich Werkzeuge, die wir unserem Geist und Willen unterwerfen müssen und nicht umgekehrt; denn sie sind Kinder und Enkel von Egge und Pflug, Hammer, Schere und Rad.

Entfremdungen zu überwinden, die von den Werkzeugen ausgehen, die wir selbst in die Welt setzen, gehört zum fortdauernden Emanzipationsauftrag. Das erfahrene Erinnern, das im Seckenheimer Heimatmuseum ermöglicht wird, kann uns dabei helfen.

Herzlichen Dank und Glückwunsch für 25 Jahre Bürgergeist im und ums Heimatmuseum zum Wohle Seckenheims und weit darüber hinaus.

Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

Sonntag, 26. August 2018

Kath. Pfarrzentrum St. Clara

Mannheim-Seckenheim