Die Welt urbanisieren!

In den großen Wanderungsbewegungen unserer Tage erkennt die internationale Migrationsforschung (Paul Collier, Gunnar Heinsohn, Helmut Asche u. a.) bestimmte Muster. Folgende will ich hervorheben:

1. Menschen ziehen aus der Bevölkerungsexplosion in Länder, die seit Jahrzehnten verantwortungsvolle Familienplanung praktizieren. Starkes Bevölkerungswachstum in Afrika und in Ländern Asiens macht Produktivitätswachstum dort zunichte und ist Hauptursache für Krieg, Terror, Vertreibung, Flucht. Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte auf dem G20-Gipfel in Hamburg (Juli 2017) zu recht, dass die Zukunft Afrikas nur durch „resolute Geburtenkontrolle“ gelingen kann. 2. Menschen wandern aus instabilen in stabile Länder. Auch diese können dadurch ins Wanken geraten. 3. Die älteste Spur zeigt, was wir Landflucht nennen. Bereits in der Antike strebten Menschen aus entlegenen Regionen in Städte, weil diese besondere Chancen boten. Aber schon die Römer zeigten den umgekehrten Weg, indem sie ferne Gegenden urbanisierten. Ohne dies wären Ladenburg und Trier nicht entstanden, Köln nicht und andere frühe Stätten urbaner Zivilisation.

Im Mittelalter galt: Stadtluft macht frei, wenn auch die Urbanität der Städte oft bescheiden war. Während der Industriealisierung Europas und Amerikas zogen Menschen zu Millionen in die Städte, trotz meist geringer Lebensqualität dort. Aber besser als auf dem Lande war es wohl allemal. Auch Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen, wuchsen in den letzten 200 Jahren besonders durch Zuzug. Die damit verbundene Abwanderung aus ländlichen Räumen (vor allem Odenwald, Kraichgau, Schwarzwald, Pfalz) beeinträchtigte deren Entwicklungsmöglichkeiten erheblich. Deshalb sei gelobt, was Deutschland nach dem Zeiten Weltkrieg in beachtlicher Weise gelang: Lebensstandard und Lebensqualität städtischer und ländlicher Räume durch umfassende Urbanisierung auf hohem Niveau anzugleichen.

So muss es auch weltweit geschehen. Nicht die Menschen müssen in die Städte der Welt wandern. Statt dessen sollten sie ihre vertrauten Lebensräume urbanisieren. Sollte West-Europa zur Arche Noah für Gebiete werden, die es an Fläche und Bevölkerung weit überragen, wird dies unter Inkaufnahme unendlichen Leides scheitern. Deutschlands und Europas besondere Beiträge zur Überwindung der aktuellen und gleichermaßen chronischen Weltkrisen: 1. Wir sollten Urbanisierung weltweit fördern. 2. Auch die Umwelt- und Klimakrisen können nicht durch Massen-Migration, sondern nur durch ökologische Urbanisierung vor Ort gebändigt werden. Dazu braucht es Menschen, die ihre Heimat lieben. Hier wie dort.

 

WOCHENBLATT Mannheim

12. Juli 2018