Ecce Homo: Sophie Stippel

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Dort hatten die Nationalsozialisten über eine Million Menschen ermordet. Seit 1996 begehen wir Deutsche diese Befreiung als Holocaust-Gedenktag. Als Internationa-ler Tag des Gedenkens wird er seit 2005 begangen. Bei der Gedenkfeier im Anna-Reiß-Saal (REM, D5) galt in diesem Jahr die besondere Aufmerksamkeit der Opfergruppe Ernste Bibelforscher, die sich heute Jehovas Zeugen nennen. Spät gedenken wir dieser kleinen standhaften Gemeinschaft.

Ihrer Glaubenstreue begeg-nen wir mit großer Demut und Achtung; denn ihre Peiniger boten ihnen einen teufli-schen Pakt an: Wenn sie ihrem Glauben abschwören würden und Glaubensge-schwister anzeigen, dürften sie die Hölle verlassen und nach Hause gehen, wo oft sehnsüchtig auf sie gewartet wurde. Viele von Jehovas Zeugen schlugen diese Möglichkeit aus und blieben in der Hand ihrer Feinde. Neben Standhaftigkeit und Treue wirkte bei diesen Entscheidungen auch Furcht vor Gottes Strafen mit.

Die Leidensgeschichte dieser Christen wurde dargeboten in Vorträgen von Schü-lern, durch die Ansprache von OB Dr. Kurz und durch den ergreifenden Film „Die Köchin des Kommandanten - Zwei Wege nach Auschwitz.“ Im Mittelpunkt des Films: Jehovas Zeugin Sophie Stippel und Lagerkommandant Rudolf Höss. Die fast tra-gisch-komische Pointe dieser Geschichte: Sophie diente in Auschwitz im Haushalt von Höss, jenem Rudolf, den sie kannte, weil er in ihrer unmittelbaren Nachbar-schaft in Mannheim gelebt hatte. Höss, dem Menschen- und Gottesverächter ist diese Frau in ihrer Treue zu ihrem Gott ein Rätsel. Er begreift sie nicht. Denn: siehe, Sophie Stippel ist ein Mensch. Seine Kinder lieben sie!

Dank und Kompliment den Filmemacherinnen Karen Strobel und Christina Stihler. Dank dem MARCHIVUM, das die Daten erschließt und bereitstellt. Ein besonderes Kompliment an Gerald Sander, Sophie Stippels Enkel, der uns seine liebenswerte Großmutter auf sehr sympathische Weise nahebringt. Diesem Film wünsche ich viel Aufmerksamkeit.

OB Dr. Kurz machte in seiner Rede den Deutschen übrigens ein Kompliment, wenn auch fast verborgen in zwiefacher Verneinung. Ich zitiere aus der Erinnerung: „Wenn etwas nicht deutsch ist, dann ist es, sich nicht der Geschichte zu stellen.“ Positiv gewendet: wir Deutsche haben die Verantwortung für den Umgang mit un-serer Geschichte angenommen. Wer dazu beitragen will, die aktuellen Spaltungen in Deutschland zu überwinden, sollte diese Kulturleistung des Deutschen Volkes in den letzten siebzig Jahren nicht geringschätzen, sondern würdigen und öffentlich anerkennen.

 

WOCHENBLATT Mannheim

08. Februar 2018