Sehr zum Wohl, Capitol!

Wie wollen wir ins Neue Jahr starten? Mein Rat: gar nicht. Wir sollten nicht „starten“, als wären Mühen und Freuden, Scheitern und Gelingen Wettrennen durchs Jahr. Entschleunigen wir, damit uns die Puste nicht ausgeht. Erst denken und sich informieren - dann

handeln und kommentieren. Und: Menschen nicht ausgrenzen, die unangenehme Wahrheiten aussprechen. Auch schlechte Nachrichten können Segen stiften, wenn wir sie in unser Problembewusstsein einbeziehen.

Ein guter Beginn des Neuen Jahres wäre, sich des Gelingens zu freuen, das uns Deutschen und uns Mannheimern nicht nur im letzten Jahr, sondern seit siebzig Jahren beschieden ist. Zum Glück des Gelingens gehört die reiche Kultur der Vereine, Genossenschaften, Gewerkschaften, der Förderkreise und Bürgerinitiativen. Motto: Wir warten nicht auf den Staat – wir handeln selbst. Ein eindrucksvolles Beispiel in Mannheim: Das Capitol in der Neckarstadt. Ende Dezember durfte es unter großer Beteiligung von Fans, Gästen, Förderern und Freunden sein Neunzigjähriges feiern. Welche Leistung, dieses Juwel vor dem Vergessen, gar Verschwinden zu bewahren! Demokratie entwickelt und erhält sich jeden Tag durch Teilhabe und Teilnahme. Kultur bewahren, gehört ebenso zu den fortschrittlichen Aufgaben wie die Schöpfung bewahren. Wie OB Dr. Kurz es auf dem Neujahrsempfang im Rosengarten formulierte: „Dinge bewahren, die Identität bilden.“ Und er sagte weiter: „Heute ist die gute alte Zeit von morgen.“ Sorgen wir heute dafür, dass dies einst wahr sein wird!

Mit Leidenschaft verwandelten die Frauen und Männer um Thorsten Riehle das alte Capitol-Kino in ein Haus, das jährlich mehr als 130.000 Menschen bei etwa 400 Veranstaltungen anzieht. Als diese Leute vor zwanzig Jahren zur Tat schritten, war die objektive Wahrscheinlichkeit des Misslingens höher als die des Erfolgs. Sie haben aber der Wahrscheinlichkeit gezeigt, wo der Hammer hängt und verwandelten mäßige Aussichten in nachhaltiges Gelingen. So erweist sich die Zivilgesellschaft als ein sich selbst erschaffendes und erhaltendes System. Das Capitol strahlt zum Wohle der Menschen in die Gesellschaft – und diese wirkt zurück. Dass dies nicht immer direkte finanzielle Förderung durch die Öffentliche Hand bedeuten muss, zeigt das Capitol. Was aber von Stadt und Staat zu erwartet ist: sie müssen die traditions- und ideenreiche aber zerbrechliche Zivilgesellschaft schützen. Aus dieser Verantwortung können staatliche und kommunale Strukturen nicht entlassen werden.

Sehr zum Wohl, Capitol! Ich wünsche den Capitolern und allen Mannheimerinnen und Mannheimern alles Gute für 2018.

 

WOCHENBLATT Mannheim

11. Januar 2018