Mut, Licht und Lachen

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

Nicht vergessen

Wir werden die Menschen nicht vergessen, die Anfang Januar 2015 in Paris ermor-det wurden, die wir nicht kennen, die aber unsere Geschwister sind. Sie wurden von dem Ungeheuer getötet, das sie derb und rotzfrech bekämpft haben. Sein Name: Umnachtung.



Die Toten haben ihr Leben für den wichtigsten Schatz gegeben, den Europa einbrin-gen kann in diese Welt: den Geist der Aufklärung. Nicht alle Bilder von Charlie Hebdo finde ich gut, aber ich verteidige das Recht, sie zu zeigen.

Wir werden auch die November-Anschläge 2015 in Paris nicht vergessen und nicht die sexualisierten Silvester-Krawalle in Köln und vielen anderen Städten Deutsch-lands. Ich denke auch an Theo van Gogh, der am 2. November 2004 in Amsterdam ermordet wurde und an die Somalin Ayaan Hirsi Ali, die wegen islamkritischer Publi-kationen nach wie vor bedroht wird. Ich denke an die Todesfatwa Ayatollah Khomeinis gegen den Schriftsteller Salman Rushdie vom 14. Februar 1989. Und ich denke an viele bekannte und weniger bekannte Menschen, die seit langem massiv bedroht werden oder schon ermordet wurden.

Mütter und Väter Europas

Europa hat viele Mütter, Väter, Schwestern und Brüder: Heiden, Christen, Juden und Muslime. Ketzer, Agnostiker und Atheisten. Liberale und Sozialisten. Philosophen, Wissenschaftler, Künstler und Erfinder. Bauern, Arbeiter und Händler. Befreier und Bändiger. Bewahrer und Wandler.

Wer aus der Aufklärung kommt, ist mir verwandt. Unser gemeinsames Projekt heißt: Zivilisation durch Emanzipation. Voltaire sagt: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ Und Rosa Lu-xemburg sagt: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“. Diese Haltung müssen wir leben!

Der Anspruch richtet sich an uns alle, Alteingesessene und Neukommer. Wir durch-laufen weltweit Krisen gegenläufiger und ungleichzeitiger Prozesse von Globalisierung. Amerika und Europa verraten oft selbst die Ideale der Aufklärung. Nicht nur Bigotterie umnachtet, auch die menschen- und naturverachtende Konsum-, Blödel- und Wegwerfgesellschaft. Es gibt viele Bildungsnotstände. Dumpfer ‚Glaube’ ist ei-ner. Denkfeindliche Spaaaß-Gesellschaft ein anderer.

Dagegen müssen wir das Leuchten der Aufklärung entfachen: Lachen-und-Denken! Seit vielen Jahren stelle ich meine wissenschaftliche, pädagogische und schriftstellerische Arbeit unter einen Satz des Philosophen Odo Marquard: „Lachen und Denken – beides zusammen – ist gegen die Anstrengung gerichtet, dumm zu sein.“

Islamismus und Islam

Die Beschwörung „Islamismus hat nichts mit Islam zu tun!“ zeugt von Angst nicht von Einsicht. Alle islamischen Länder befinden sich in tiefen Krisen, viele stehen seit Jah-ren in Flammen. Islamische Kulturen explodieren und implodieren gleichermaßen. Bei allen inneren Unterschieden weisen sie große Defizite an Selbstkritik auf und Bereitschaft, sich kritisieren zu lassen. Es gibt unendliche Reform- und Emanzipationsblockaden. Die Frage, ob der Islam zu Deutschland, zu Europa gehört, kann man nicht beantworten, ohne sich diesen Fragen zu stellen und ohne den Koran zu lesen und offen und öffentlich zu diskutieren!

Längst gibt es eine Reihe hochkarätiger muslimischer Islamkritiker, die uns mit ihrem Mut und ihrer Geistesschärfe beschämen. Sie setzen sich erheblichen Gefahren aus und werden dazu noch von vielen europäischen Politikern, Medienleuten und Intel-lektuellen im Stich gelassen, herablassend belehrt und angegriffen. Es ist erschüt-ternd, wie sehr Angst korrumpieren kann.

Der Heidelberger Rechtsanwalt Memet Kilic, Vorsitzender des Bundeszuwande-rungs- und Integrationsrates (BZI) sagt: „Wer Islamisten nicht bekämpft, kann Pegida nicht bekämpfen. Die erste Aufgabe wurde sträflich vernachlässigt.“ Darüber und über vieles mehr sollten wir sprechen, bevor wir jenen, die sich über bestimmte Ent-wicklungen in unserem Land Sorgen machen, einen Krankenschein ausstellen.

Kulturerbe der Menschheit

Religion und Religionskritik gehören zum Kulturerbe der Menschheit. Das eine kann es ohne das andere nicht geben. Nichts trägt so zur Humanisierung von Religion bei wie Religionskritik. Sie ist keine üble Provokation, sondern ein emanzipatorisches Muss! Beispiel: Ohne stete Kritik am Katholizismus kein Franziskus!

Die Bigotten verteidigen nicht Gott, Heilige und Propheten, sondern ihre eigene reli-giöse Eitelkeit und Einfalt gegen die Zumutungen von Realität und Vernunft.

Bevölkerungswachstum

Die religiösen Hexenküchen brodeln auf anhaltend gewaltigem Bevölkerungswachs-tum in der südlichen Hemisphäre. Selbst die produktivsten Ökonomien der Welt sind außerstande, für die vielen jungen Menschen Arbeitsplätze, Infrastrukturen, Bil-dungs- und Gesundheitssysteme zu schaffen. Familienplanung sollte längst wichtigs-tes globales Entwicklungsprojekt sein – so bedeutsam wie Maßnahmen gegen den Klimawandel. Das ungebändigte Bevölkerungswachstum muss als eine der wesentli-chen Ursachen für zunehmende Gewalt, Kriegsgefahr, Kriege und Massenmigration angesehen werden.

Kritik

Wichtigste Errungenschaft der letzten fünfhundert Jahre ist nicht die Wiederentde-ckung Amerikas, nicht die Dampfmaschine, nicht die Druckkunst, nicht die Nutzbar-machung der Elektrizität, nicht das Penicillin, nicht das Auto, nicht das Flugzeug, nicht der Computer, nicht das Internet - sondern das Recht, die Fähigkeit und die Bereitschaft, Kritik zu üben und Kritik anzunehmen. Hierin sehe ich das wichtigste Zentrum westlicher Kulturen und den Hauptgrund für die besondere Stellung dieser Kulturen in der Welt.

Aller wissenschaftliche Fortschritt fußt auf Zweifel, Kritik und der Bereitschaft, bisher für richtig Gehaltenes aufzugeben. Aller humane Fortschritt auch. Die Menschen-, Völker- und Bürgerrechte, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in vielen demokratischen Verfassungen niedergelegt sind, sind die Frucht jahr-hunderterlanger Kritik an teilweise tief verwurzelten, oft ‚religiös’ legitimierten Unge-rechtigkeiten, Bosheiten und Dummheiten.

Ich mache folgenden Vorschlag: Glaubens- und Vorstellungs-, also Kulturgemein-schaften, sollen in Deutschland und Europa nur dann als integriert gelten, wenn sie sich uneingeschränkt kritisieren lassen, ohne mit Drohungen, Ausgrenzung, Ver-leumdungen und Gewalt zu reagieren.

Wir müssen das Leuchten der Aufklärung neu entfachen. Auf Fundamentalismus, Reaktion und Faschismus antworten wir mit Emanzipation, Licht und Lachen.

©Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

www.hpschwoebel.com

Mannheim

März 2016