20 Nov

Ein Reichtum meiner Kindheit ist die Armut

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

 

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(Segen Knappheit II)

 

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Meine Familie hatte wenig. Spielzeug galt als Luxus. Ich spielte mit Dingen, die da waren. Das empfand ich nicht als Mangel oder Ungerechtigkeit. Es war einfach so. Ich vermisste nichts. Wenn Eltern, Omas, Opas, Onkel, Tanten und andere Verwandte begreifen würden, dass Kinder nicht kniehoch in Spielzeug waten müssen, um glücklich zu sein, würde dies ihre pädagogische Kompetenz und ihre praktische Liebe zu Kindern stärken: Wahres Wachstum.

Als kleiner Bub lag ich stundenlang auf dem Küchenboden und spielte mit zwei Kochlöffeln. Die Kochlöffel waren meine ‚Puppen’, die sich in Menschen verwandelten, in Hühner, Hunde, Kühe, Esel und Schweine, manchmal auch in große Vögel oder bucklige Rösslein, die mich an die Ufer großer Meere trugen - die ich noch nie gesehen hatte, aber in warmen Märchen hatte flüstern und rauschen hören. Am Ufer des Meeres verwandelten sich meine Kochlöffel in starke Ruder und ich saß in einem Boot, das mich zu fernen Inseln trug.

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Die Träume eines Fünfjährigen können mit zwei Kochlöffeln Welten erschaffen. Mangel an Spielzeug (und an Geld) ist nichts, verglichen mit Armut an Geist, Phantasie, Sehnsucht, Zuversicht, Humor, Kompetenzen und starkem Willen. Das gilt für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Und für ganze Länder und Kulturen.

Ein starker Geist vermag Knappheit zu überwinden oder sie in einen Schatz zu verwandeln. Meine kindliche, jugendliche Vorstellungskraft schuf mir Überlebens-Paradiese gegen Armut, familiale Gewalt, krankhafte Strafsucht und Wogen von Alkohol.

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Fotos: Hans-Peter Schwöbel

Siehe auch Der Schwöbel-BLOG am Samstag und podcast,                                                                               13. November 2021: Segen Knappheit

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 20. November 2021