28 Aug

Potemkinsche Dörfer – Marke Eigenbau 2

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

 

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Foto: Hans-Peter Schwöbel. 2021.

Es war zu erwarten, dass der IS sich die Gelegenheit nicht würde entgehen lassen, hinter die Flucht der westlichen Alliierten und ihrer afghanischen Verbündeten ein schreckliches Ausrufezeichen zu setzen. Sein Ziel: den Westen in unübersehbarem Bezug zu den Anschlägen vom 11. September 2001 (9/11) zu re-traumatisieren. Botschaft: Ihr habt nichts erreicht. Wir bestimmen das Gesetz des Handelns. Willkommener Effekt: den Taliban zeigen, dass sie nicht alleiniger Herr im Hause sind. Für Afghanistan lässt das weiter Schlimmes befürchten. Und für uns.

Nation-Building...

Eine der Überschriften über das westliche Engagement hieß: Nation-Building. Jacques Schuster führt in der WELT vom Fr, 27. August 2021, bezogen auf Afghanistan, aus: „Keinem Staat ist seit dem Marshallplan von 1948 mehr geholfen worden als diesem Land. Über 2000 Milliarden Dollar sind innerhalb von 20 Jahren nach Kabul und in die Provinzen geflossen. Nur 90 Milliarden Dollar gingen davon an die afghanische Armee. Der Westen gab das Geld für Schulen aus. Er förderte die Frauen und baute eine freie Presse auf. Er verlegte Stromleitungen und rang darum, den Afghanen die Grundlagen des Rechtsstaates zu vermitteln. Vergeblich.“

Zu den Bizzarrien, in denen sich westliche Nationen verfangen, gehört, dass dort, wo demokratisches Nation Building nach dem Kriege gelungen ist, etwa in Deutschland (nicht zuletzt die Deutsche Einheit seit 1989/90), die Idee der Nation von vielen verteufelt wird. Es herrscht das wirre Narrativ, Nation und Demokratie schlössen einander aus. Tatsächlich bedingen sie einander zutiefst. Gleichzeitig wird versucht, demokratische Nation dort zu installieren, wo dies nicht gelingen kann. Jedenfalls nicht von außen. Eine der Lehren, die aus Afghanistan zu ziehen wären, lautet: Weil Nation nicht gelang, konnten auch Demokratie und Rechtsstaat nicht gelingen.

Dämonisierung Andersdenkender

Das Desaster in Afghanistan wird auch wieder Menschen zu uns spülen, die uns nicht guttun. Viele junge Männer, die es schon lange nach Deutschland zieht, nutzen den Schwung der Panik, um ins Land ihrer Träume zu gelangen. Darunter auch Gefährder. Umso wichtiger wären klare Kriterien der Schutzwürdigkeit und persönliche Prüfungen der Einwanderungswilligen. Aber auch dafür ist es wohl zu spät. Niemand im Westen würde wohl wagen, Menschen, die mit dem Big Lift oder auf verschlungenen Routen zu uns gekommen sind, nach Afghanistan zurückzuführen.

Frauen und Männer, die nach Freiheit in Verantwortung streben, verdienen Chancen in Freiheitsländern. Ob Deutschland noch uneingeschränkt dazu gehört? Und wie wollen wir jene erkennen, die bereit sind, sich hier konstruktiv einzubringen, wo es längst verboten ist, zu unterscheiden, zu diskriminieren?

Wie immer auch: Die hohe Politik und der politisch-mediale Main-Stream hierzulande haben weiter Gelegenheit, die Lage falsch einzuschätzen. Das ist aber nicht schlimm, gibt es doch erprobte Möglichkeiten, Kritiker nach Dunkel-Deutschland abzuschieben ins Reich der Verschwörungs-"Theoretiker“, Rechtspopulisten und -extremisten. (1)

Wenn Ausgrenzung und Dämonisierung Andersdenkender nicht aufhören, werden wir auch aus der afghanischen Katastrophe nicht die notwendigen Lehren ziehen. Dies gilt für Deutschland ebenso wie für die USA.

Längst werden hierzulande wie auch anderswo in der (westlichen) Welt weiter blendende Fassaden zum Zwecke der Selbsttäuschung hochgezogen. Ob es sich um geplante und gesteuerte Völkerwanderungen handelt und/oder um eine an sich selbst scheiternde, fanatisierte religiöse Ideologie. Ob es um die Durchsetzung autoritärer, anti-emanzipatorischer, Sprech- und Denkmuster geht. Oder um anti-ökologische Maßnahmen „gegen den Klimawandel“ – um nur einige zu nennen.

Nur nicht den Spaß an Potemkinschen Dörfern verlieren! Die zeigen nicht, was ist, sondern was wir zu sehen wünschen. In ihren Fassaden können wir uns spiegeln. Beherzt schreiten wir auf unser flackerndes Ebenbild zu...


(1)   Die Meinungs-Gemeinden in Deutschland, die die Deutsche Nation verachten, machen auch kein Geheimnis aus ihrer Geringschätzung und ihrem pathologischen Misstrauen gegenüber Polizei und Bundeswehr. Dabei haben die Soldaten und Soldatinnen unserer Armee sich in Afghanistan vom ersten bis zum letzten Tag Achtung verdient. Was man von der Politik nicht in gleicher Weise behaupten kann.

 
Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 28. August 2021