05 Jun

GESTALT und SPRACHE 1

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

 

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Gestaltbrücke. Gemälde: Waltraud Gossel. Mannheim.

Jede Sprache und jeder Dialekt verfügt über eine unverwechselbare GESTALT, die Wortschatz, Klangschatz, Grammatik, Syntax, Lautierungsmuster, Rhythmen und Melodien, Sprecherfahrungen und Sprecherwartungen sowie die komplexen Wechselbeziehungen zwischen all diesen Aspekten umfasst.

Auch je eigenes Schweigen, Stammeln, Stottern, Beschleunigen und Verzögern gehören zum Gestaltcharakter einer bestimmten Sprache. Nicht zu reden von literarischem Schaffen an und mit der Gestalt etwa der deutschen Sprache, die mir innewohnt, der ich innewohne.

Wo Wörter, Namen und Redensarten aus einer Sprache in eine andere wandern, wird in der Regel der Laut, das Wort, der Satz in die Gestalt der aufnehmenden Sprache integriert. An Sprache zeigt sich, dass Gestalt im Sinne eines umfassenden Grundmusters ein holistisches Phänomen ist: Die Bedeutung des Details erschließt sich vom Ganzen her. Und das Detail lässt das Ganze erkennen. Sprache kann nicht vernünftig beschrieben und analysiert werden, ohne ihre Gestalt als umfassendem Bezugssystem.

Von einem an Sprache interessierten Leser erfahre ich: „Wir haben doch gelernt, dass die berühmten Griechen Aristoteles und Aristophanes so ausgesprochen werden: Aristóteles und Aristóphanes. Ganz falsch! Es heißt hier (in Griechenland) Arístotélis und Arístophánis.“

Ich danke dem Leser für diese Beobachtung, widerspreche aber seiner Schlussfolgerung. Die deutsche Aussprache Aristóteles und Aristóphanes ist nicht falsch. Sie entspricht der Klanggestalt des Deutschen. Die beiden Griechen heißen so auf deutsch. Ihre Namen im Russischen, Japanischen, Hebräischen, Arabischen und, und, und... werden auch dort nicht griechisch ausgesprochen, sondern nach der Klanggestalt der jeweiligen Sprache.

Gestalt statt Kakofonie

Die deutsche Sprache hat in den letzten tausend Jahren tausende von Wörtern und Redewendungen aus hunderten von Sprachen in sich aufgenommen. Weh uns, wir hätten versucht, bei der Integration die jeweils ursprüngliche, „richtige“ Aussprache, vielleicht auch noch die Schreibweise, mit zu übernehmen. Statt einer erkennbaren, deutschen Sprachgestalt, wäre eine unsprechbare, unschreibbare Kakofonie entstanden. Für eine Integration unter Beibehaltung der „richtigen“ Aussprache und Schreibweise stünden in vielen Fällen weder die entsprechenden Laute und Klangmuster noch die Schriftzeichen zur Verfügung.

Stabil – nicht starr

Natürlich ist die Gestalt einer Sprache nicht starr. Sie wandelt sich täglich. Aber sie ist so stabil, dass sie über Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte als dieselbe erkannt und von anderen Sprachen unterschieden werden kann.

Diesen Essay möchte ich im nächsten Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 12. Juni 2021 fortsetzen. Dabei werde ich auch auf das Thema „Gendern“ eingehen und seine Folgen für die GESTALT der deutschen Sprache.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 05. Juni 2021