01 Mai

"Wir sollten sehr zurückhaltend mit Meinungstabus sein"

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

 

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Foto: Susanna Schwöbel-Martinez

Interview

"Wir sollten sehr zurückhaltend mit Meinungstabus sein"

Der emeritierte Soziologieprofessor und Mannheimer Mundartautor Hans-Peter Schwöbel über Kritik, Anfeindungen, Mut auf der Bühne und einen Kurpfälzer Mythos

Rhein-Neckar-Zeitung, 30.04.2021

Seinen Studenten hat Hans-Peter Schwöbel immer gesagt, dass sie ihm gegenüber jede Meinung äußern dürfen – mit einer Ausnahme.

Von Carsten Blaue

Mannheim/Ladenburg. Es ist ein schönes Wiedersehen nach langer Zeit. Hans-Peter Schwöbel wartet auf einer Bank in der Sonne am Bury-Steg in Ladenburg, Blick auf den Neckar. Vorher gab es Mail-Verkehr für dieses Interview. Schwöbel ist seit Jahrzehnten einer der produktivsten Mundartautoren der Region. 30 Jahre lang lehrte er als Soziologieprofessor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Mannheim. Weniger bekannt dürfte sein, dass er auch gelernter Autoschlosser ist. Die Lehre ging dem Zweiten Bildungsweg, dem Studium und der wissenschaftlichen Laufbahn voraus. Beim Lesen seiner Schriften und bei seinen Auftritten gibt es viel zu lachen. Und Mitdenken ist gefragt. Auch, weil er mit seinen Meinungen nicht hinterm Berg hält. Sollten sie kontrovers diskutiert werden, ist es ihm recht. Kritik ist ihm wichtig, weil sie voranbringt. Doch für Schwöbel gibt es dabei Grenzen. Wie es sich anfühlt, wenn andere diese überschreiten, weiß er aus Erfahrung.

Herr Schwöbel, was bedeutet der Austausch von Meinungen für das gesellschaftliche Miteinander?

Immanuel Kant sagt: "Dialog ist eine Möglichkeit, kollektiv zu denken." Wo Dialog durch Belauern, Verleumden und Ausgrenzen Andersdenkender beeinträchtigt wird, leidet nicht nur die kostbare Meinungsfreiheit. Das geistige Vermögen jedes Einzelnen und der Gesellschaft wird in Mitleidenschaft gezogen. Wo Auffassungen und Einschätzungen, also Meinungen, nicht unbefangen geäußert werden können, nehmen Wahrnehmung, Kommunikation und Denken insgesamt Schaden. Darunter leidet nicht nur das Miteinander, sondern vor allem auch, wie wir mit Dissens umgehen. Es kommt zu anti-emanzipatorischen Deformationen von Persönlichkeit und Kultur.

Was sind denn "anti-emanzipatorische Deformationen"?

Wenn eine Person ihr Leben verbockt, sind alle schuld – nur diese Person selbst nicht. Seit Jahren verschärfen sich in den westlichen Gesellschaften Wettbewerbe um den attraktivsten Opferstatus. "Benachteiligungen" werden als Privilegien verteidigt und in Anforderungen an Andere überführt. Dies verstehe ich unter anti-emanzipatorischen Deformationen. Wehleidigkeit und Schuldzuweisung statt mühevoller und beglückender Entwicklung von Resilienz und Selbstbestimmung.

Wo hat Meinung im gesellschaftlichen Miteinander seine Grenzen?

Die wichtigste Grenze setzt das Strafrecht. Darüber hinaus sollten wir sehr zurückhaltend mit Meinungstabus sein. Meinen Studenten habe ich immer gesagt: "Bei mir dürfen Sie jede Meinung äußern mit einer Ausnahme: Wenn jemand den Holocaust leugnet oder gar gutheißt, zeige ich ihn an!". So habe ich jede Meinung zugelassen, außer dieser einen. Diese Freiheit hat die Diskussionen ungemein befruchtet und vielfältiges Persönlichkeitswachstum ermöglicht.

Und wo sind die Grenzen in der Kunst?

Ich verehre das Kindliche und verachte das Kindische, Dumme, Geschmacklose und Zotige. "Künstler", die damit Applaus suchen und ihr Geld verdienen, sind bei mir unten durch. Wann das der Fall ist, könnte ich an Beispielen zeigen. Dessen ungeachtet würde ich niemals dafür plädieren, Auftritte dieser Leute zu verbieten, oder zu deren Boykott aufzurufen. Es reicht mir völlig, sie mir nicht anschauen zu müssen und ihnen meinerseits Argumente und hohe Qualität entgegenzustellen.

Welchem inneren Kompass folgen Sie beim Suchen und Finden der richtigen Formulierungen für Ihre Programme?

Für mich ist die wichtigste Tugend die Achtung. Auch sie bewahrt mich davor, zu pöbeln, zu zoten und läppisch zu werden. Das Gebot der Achtung darf aber nicht missbraucht werden, Kritik, Satire und Karikatur zu unterbinden. Kritik zu üben und anzunehmen, gehört selbst zum Kern zivilisierter, demokratischer Gesellschafts- und Persönlichkeitsverfassung. Es gibt keine Möglichkeit, dem Unrecht, dem Irrtum, dem schlechten Geschmack, der Dummheit, der Bosheit und der geringen Qualität Einhalt zu gebieten als durch Kritik. Sie zu äußern, braucht Mut! Gläubige und Spötter, Fromme und kritische Rationalisten müssen einander aushalten, besser: sich als fehlbare Geschwister erkennen.

Haben Sie es als Künstler erlebt, dass man Sie Ihrer Meinungsfreiheit berauben wollte?

Über die mehr als vierzig Jahre, die ich schon publiziere, Vorträge halte und auftrete, hat sich bei mir ein praller Ordner mit Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen durch Rechtsextremisten angesammelt. Darunter auch Morddrohungen. Es gab Zeiten, in denen ich Post nach verdächtigen Verdickungen abtastete, bevor ich sie geöffnet habe. Weder habe ich die Polizei noch die Medien alarmiert. Außer meiner Frau und engen Freunden weiß kaum jemand etwas über diese Vorgänge.

Was haben Sie mit diesen Anfeindungen gemacht?

Ich habe sie einfach im Ordner abgeheftet und ins Regal gestellt. Einem Ordner mit Drohungen durch Rechtsextremisten stehen drei Ordner mit Verleumdungen, Beleidigungen und Rufmord durch Linksextremisten gegenüber. Diese Anfeindungen haben besonders starke Wirkungen. Es gibt Zeiten, in denen die Übergriffe dieser "Aktivisten" zu richtigen Verfolgungen anschwellen.

Wann haben Sie so etwas erlebt?

In den achtziger Jahren scheuten Stasi-gesteuerte Kampagnen nicht davor zurück, meine Frau und mich mit jahrelangem nächtlichem Telefonterror und Schlimmerem zu überziehen. Auch in den letzten Jahren kontaktieren diese Leute Veranstalter, um Auftritte von mir zu verhindern. In manchen Fällen wurde mir auf diese Weise zugesetzt, nur weil ich mich öffentlich für die Bundesgartenschau eingesetzt und den in den Jahren 2013 und 2014 sehr angefeindeten Mannheimer Oberbürgermeister Peter Kurz öffentlich in Schutz genommen hatte. Im Frühjahr 2019 belagerte in einem anderen Zusammenhang eine Gruppe von Aktivistinnen die Redaktion eines lokalen Wochenblatts, bis sie die Zusage hatten, dass meine Kolumne nach über zwölf Jahren eingestellt wurde.

Was haben Ihnen die Frauen vorgeworfen?

Meine Kolumnen seien rassistisch, hetzerisch und menschenfeindlich. Mein Angebot, mit den Aktivistinnen zu sprechen, lehnten diese ab. Mein Ansinnen löste wohl Panik bei ihnen aus.

Wie viel Mut braucht man zur Meinung auf der Bühne?

Von Liedermachern und Kabarettisten wird der Mut, den sie selbst auf der Bühne einsetzen, notorisch überschätzt. Viele fühlen sich als Widerstandskämpfer, obgleich sie Dinge von sich geben, die von ihrem Publikum erwartet werden. Vor allem Kabarett und Comedy sind Felder opportunistischer Kommunikation, in denen es auf häufigen Beifall ankommt: Wir haben den Durchblick, die anderen sind die Dummen, über die wir uns schlapp lachen. Davon habe ich mich früh verabschiedet. Meine Auftritte stehen unter der Überschrift Satire - Poesie und Dialekt. Manchmal verwende ich hilfsweise das Wort Kabarett. Mit dem, was darunter üblicherweise geboten wird, hat meine Arbeit aber wenig zu tun.

Haben Sie schon einmal ein Programm umgeschrieben, weil Sie Ihre Meinung geändert haben?

Da ich kein aktuelles Kabarett mache, schreibe ich auch keine Programme. Es gibt bei mir nur Sketche, Gedichte, Zwischenrufe und Essays, die ich teilweise über Jahre spiele und lese. Manchmal wird ein Thema unwichtig, dann tritt es zurück und Anderes nimmt diesen Platz ein. So ist über die Jahre ein umfangreiches Werk entstanden. Meine Auftritte sind Lesungen, wenn auch sehr lebhafte.

Der Kurpfälzer hat den Ruf, geradeheraus zu sein. Ist das schon meinungsstark?

Das mit dem Geradeheraus ist ein gern beschworenes Selbstbild der Kurpfälzer. Man könnte auch sagen: Wunschdenken. Das nehme ich meinen Landsleuten aber nicht übel. Es gehört zu einer positiven regionalen Identität. Und manchmal wirkt der selbstgeschaffene Mythos ja auch...

Welche Rolle spielt der hiesige Dialekt dabei?

Die Kurpfälzer Dialekte sind wahre Schatzkammern von Wörtern, Bildern, Rhythmen, Melodien, Erinnerungen und Möglichkeiten. Da wohnt manche Ausdruckskraft, die wir so eindrucksvoll im Standarddeutsch nicht finden. Dies mag dazu beitragen, dass wir uns als wortstark gleich meinungsstark gleich mutig erleben. Es sei uns gegönnt.

HINTERGRUND

Hans-Peter Schwöbel wird im November 1945 in Buchen geboren. Der Vater ist Zotzenbacher, die Mutter Mannheimerin. 1952 kehrt die Familie zurück in die Quadratestadt. Nach acht Jahren Schule lernt er Kraftfahrzeugmechaniker (Gesellenbrief mit Auszeichnung). 1967 erwirbt er das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg. In diesem Jahr heiratet er auch die Lehrerin und Schriftstellerin Susanna Schwöbel-Martinez. Beide pflegen enge Beziehungen zur Familie von Susannas Vater Ismael Martinez in Puerto Rico.

Von 1967 bis 1972 studiert er Sozialwissenschaften in Mannheim bei Martin Irle, Rainer M. Lepsius, Hans Albert und Rudolf Wildenmann. Von 1973 bis 1975 arbeitet er im Auftrag des Deutschen Volkshochschulverbandes als Wissenschaftlicher Berater des somalischen Erziehungsministeriums in Mogadischu. Ihm obliegt die pädagogische Leitung großer Alphabetisierungskampagnen. 1979 und 1980 berät er in gleicher Sache den Genossenschaftsverband der Erdnuss- und Reisbauern in Gambia. 1980 Promotion in Frankfurt und Abschluss eines Pädagogikstudiums. Von 1980 bis 2010 ist Schwöbel Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Mannheim.

Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit schreibt er Gedichte, Essays, Sketche und Predigten (die er auch hält). Seit zwei Jahren bezieht er jede Woche auf seiner Homepage im viel gelesenen und gehörten "Der-Schwöbel-Blog-am-Samstag" Stellung. Und er tritt mit (Mundart-)Programmen auf. Seine Interaktion mit dem Publikum ist ein Erlebnis – er tobt über die Bühne, stellt Fragen und verteilt für richtige Antworten "Gutsel". Zudem widmet er sich der Naturfotografie. Schwöbel wurde mit dem Kulturpreis des Bundes der Selbstständigen Mannheim-Nord ausgezeichnet (2004). Er ist Träger des Mannheimer Bloomaulordens (2005), der Neckarauer Prinzessinnenspange (2011) und der Hermann-Sinsheimer-Plakette der Stadt Freinsheim (2012). Im Jahr 2003 wird vor dem Quadrat P 2 ein Mahnmal errichtet, das an das Leben der Mannheimer Juden vor dem Holocaust erinnert. Schwöbel ist im Vorfeld Sprecher des kommunalen "Arbeitskreises Mahnmal" und hat dessen Gestaltung und Platzierung deutlich mitbestimmt. cab

 

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 01. Mai 2021