21 Nov

Totensonntag

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

 

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Fritz Hartmann, 24. August 2005. Foto: Hans-Peter Schwöbel

Morgen, 22. November 2020 ist Totensonntag.

Weiland, als unsere christlichen und weltlichen Feiertage noch Orientierung boten in der unendlichen RaumZeit, versammelten wir am Totensonntag unseren Geist, unser Gemüt und unsere Gemeinschaft zum liebenden Gedenken an unsere Toten. An unsere Toten. Der Toten in aller Welt zu gedenken, war natürlich nicht verboten.

Wir besuchten Gottesdienste und Gräber, zündeten Kerzen an, tauchten ein ins Erinnern und wurden uns auch unserer eigenen Endlichkeit stärker bewusst, als es der geschäftige Alltag zulässt. Für die Evangelische Kirche ist der Totensonntag der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Die Gedanken der Gläubigen sind auf die Ewigkeit gerichtet.

Extreme Individualisierung, die oft Züge von Atomisierung annimmt - Vielfalt, Vielfalt, Vielfalt - und die ebenso fortschreitende Infantilisierung - bunt, bunt, bunt - hält den Ernst alter Rituale nicht mehr aus. Wer vom Tode spricht, muss eine Triggerwarnung vorausschicken.

Wohin dieser Kinderkreuzzug – gemeinsam-zusammen-miteinander - von scheinbar Erwachsenen führt, ist nicht gewiss. Ich werde mich ihm jedenfalls nicht anschließen.

So will ich diesen Totensonntag nutzen, um exemplarisch eines klaren, erwachsenen Geistes zu gedenken. Mein blinder Freund Fritz Hartmann in Schriesheim, ein großer Seher, Denker, Demokrat und Anti-Nazi, Verächter der Dummheit und fröhlicher Christ, der sich der Ungewissheit seines Glaubens immer bewusst war, sagte gerne, bezogen auf die Frage, ob es ein Jenseits gibt: „Wonn se uns oogelooche hawwe, die Parrer, hawwe se nix zu lache...!“ An dieser schönen Pointe konnte er sich köstlich amüsieren.

Ihm gelang, mit Weisheit und Heiterkeit auf sein eigenes Ende zu blicken. Bereits 1951, er war gerade 26 Jahre alt, schuf er dieses wunderbare Gedicht für sein Grab:

Hier ruht de Hartmanns Fritz vun Schriese,
Soi Grab, des brauchta nädd zu gieße,
Er war koon Freund vun Extrabosse,
Die Färz, die kännda bleiwe losse
Im Leewe war er wassaschei,
Des Wäsche warem oonalei.

Jedoch wann’s gange isch zum Fresse,
Do hodda s’Schnaufe schier vagesse
Kadoffl, Weiße Kees un Hering,
Do war er Meeschda drin, koon Lehrling,
Vaschreckt nädd Leit, kummt her un lest,
Was der im Leewe isch geweßt.

Er waa koon Freund vun Amt und Würde,
Hodd nie sisch gsähnt noch Lascht un Bürde,
Er war nie aus uff Rong un Titl,
Er war so oofach, wie soin Kiddl
Ihr seht schun, des war koon Wischt,
Wo imma bloß erfillt soi Pflischt
(er hodd des Wort Pflischt nädd leide känne).

Er war koon Schuschda, Schneida, Lehrer,
Minischda nädd, koon Schdrooßekehrer,
Zuchthaisler, Parrer, Rischder, Henker,
Ou noo, er war halt blooß än Denker
Jetzt wissdas, was er war Ihr Leit,
Geht hoom, lostäm soi Ruh fer heit.

Will ohna on soim Grab noch schbresche,
Kränz niederlege, Phrase dresche,
Nochdrääglisch ihm viel Guuts noochsaache,
Ihr Leit, dem gheert die Gosch verschlaache.
Hädd Ihr im Lewe ihn geacht,
Wär bessa, wie jetz Schbrisch gemacht...

Fritz Hartmann (1925 – 2007)

Fritz hat mir dieses Gedicht an einem Samstagvormittag in den Stift diktiert.
Samstag, 05. Mai 2007
Steinschleifenweg 1
69 198 Schriesheim

Fritz Hartmanns Lieblingsstelle in der Bibel: Offenbarung 21


Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 21. November 2020