10 Okt

Wiederzereinigung

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

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Wiederzereinigung. Dieses Kunstwort beschreibt besser, was uns seit 1989 bewegt, als das wendehalsige Wort Wende. „Wende“ wurde uns wohl von SED-Funktionären ins Ohr geträufelt und auf die Zunge gelogen - pardon: gelegt. War’s Hinz, war’s Kunz, war’s Krenz? Wie immer auch – wir benutzen es brav.



„Wende“ ist so vielsagend nichtssagend. In dieser Disziplin waren Karl-Eduard von Schnitzler und seine Genossen Meister. Es wäre einige sprachwissenschaftliche Doktorarbeiten wert zu untersuchen, wie sehr aktuelle political correctness und die damit verbundenen Denk- und Sprechgebote und -verbote von Kommunisten vor- und nachbereitet wurden und werden. Doktorarbeiten - bitte selbst geschrieben! Kriegen wir das noch hin?

Verschleiern liegt in der DNA der Leninisten-Stalinisten-Maoisten. Aber, sie hätten keinen Erfolg, ohne die Massen von Mitläuferinnen und Mitläufern in Deutschland, besonders im Westen. Ein Unterschied zwischen Ost und West: Unsere Brüder und Schwestern im Osten hatten vierzig Jahre Zeit zu lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Diese Kompetenz, herrschaftliche Handschrift am Verschlieren von Informationen zu erkennen, fehlt im Westen weitgehend. Man könnte sagen: Vom Osten lernen, heißt lesen lernen...

Der tröstende und ermutigende Satz des großen Sozialdemokraten und deutschen Patrioten, Willy Brandt, ging ins nationale Bewusstsein ein: „Es wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Damit meinte er Deutschland und Europa. Dies ist Alltags-Poesie und politischer Realismus gleichermaßen, wie auch Helmut Kohls Zuversicht auf „blühende Landschaften“.

Weniger bekannt ist Willy Brandts Anregung, statt von Wieder-Vereinigung von Neu-Vereinigung zu sprechen. Er wies darauf hin, dass hier zwei politische Systeme, zwei Länder, zwei Kulturen, eine Einheit erarbeiten sollen, müssen, dürfen, die sich über Jahrzehnte massiv entfremdet hatten. Und wir dazu jede Menge guten Willens, Tatkraft, Entschlossenheit, Gedankenschärfe, Liebe zum Land, Liebe zu den europäischen Nachbarn, Toleranz und Frustrationstoleranz brauchen würden. Vor uns lagen und liegen die langen Mühen der Ebenen. Dies habe ich mit dem spannungsreichen Kunstwort Wiederzereinigung zum Ausdruck gebracht, das ich 1989 für meine Kabarett-Auftritte erfunden habe. Man könnte Willy Brandts Satz in folgendes Paradox fassen: Ost und West müssen sich neu wiederfinden. In Deutschland. In Europa. In der Welt.

Wie sehr uns das in Deutschland gelingt, darf uns mit Dankbarkeit und Freude erfüllen. Die entsprechenden Prozesse, beginnend mit Brandts Ostpolitik, dem Entstehen demokratischen Widerstandes in der DDR und - oft viel früher - bei anderen durch die UdSSR Unterworfenen, vollziehen sich als große Kulturrevolutionen.

Die Idee der Nation in all diesen Ländern ist nicht reaktionär, sondern tragende Grundlage, um jahrzehntelange Despotien zu überwinden und emanzipatorische Entwicklungen zu ermöglichen. Ohne das Narrativ Nation wären die Befreiungen nicht denkbar gewesen. Dieses Narrativ ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Wer es dämonisiert, arbeitet jenen in die Hände, die es missbrauchen wollen.

Fortsetzung folgt.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 10. Oktober 2020