12 Sep

Ingeborg Schwöbel

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

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Ingeborg Schwöbel

Mit meinen beiden Schwestern, Ingeborg und Annebärbel, bin ich in einem strengen Pietismus aufgewachsen: Abendandacht, Bibelstunde, Predigt, Gebet, Sünde, Schuldgefühle. Der Glaube an Jesus Christus war grundlegend. Von ihm aus ordnete sich das ganze Leben. Das bedeutete für uns Kinder uneingeschränkte Selbstverantwortung und das Erlebnis, an etwas Besonderem, Außeralltäglichen teilzuhaben.

Dazu kamen jedoch massive väterliche Gewalt und schwerer Alkoholismus der Mutter. Bizarre Zustände. Meine ältere Schwester Ingeborg war schon als Vierzehnjährige der Halt in der Familie. Ohne Waschmaschine, mit bloßen Händen, wusch sie zum Beispiel regelmäßig die Wäsche für eine fünfköpfige Familie. Als ich ihr einmal helfen wollte, die Wäsche mit Fäusten und Waschbrett zu rubbeln, floss mir nach wenigen Minuten das Blut von den Fingerrücken. Und das, obwohl ich als Bub Arbeit in Haus und Garten ebenfalls gewohnt war.

Dennoch war Ingeborg in der Schule und später in der beruflichen Bildung immer eine der Besten, wie Annebärbel und ich auch. Dass wir das familiäre Elend nicht als Alibi nutzten, um uns hängen und gehen zu lassen, war unsere Rettung.

Vom Glauben meiner Kindheit habe ich mich als junger Mensch gelöst und verstehe mich als „pietistischen Agnostiker“. Mir ist die starke Prägung durch den Glauben (und die Dramen) meiner Kindheit und Jugend bewusst, und ich bin dankbar dafür. Trotz allem wollte ich sie nicht mit „normalen“ Bedingungen tauschen. Die besondere christliche Prägung und der Wille, in einem Inferno nicht zugrunde zugehen, haben unter anderem einen tiefen Ernst in mir angelegt, der bis in meinen Humor hinein zu spüren ist. Ansonsten glaube ich, dass wir die entscheidenden Dinge des Glaubens nicht wissen können. Zentrale Glaubens-Vorstellungen können mit wissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Möglichkeiten weder bewiesen noch widerlegt werden. In diesem Sinne bin ich Agnostiker.

Meine beiden Schwestern sind bei ihrem Glauben geblieben. Im Matthäus-Evangelium leuchtet eine rationale Glaubens- und Ideenprüfung auf, die zum geflügelten Wort wurde: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7, 16) Die Früchte sind es, nicht die Worte oder hehren Absichten, die uns erkennen lassen, wen und was wir vor uns haben und wer wir selbst sind.

Meine Schwester Ingeborg feiert in diesen Tagen ihren achtzigsten Geburtstag. Ihr christlicher Glaube ist nicht nur Bekenntnis, sondern eine besondere, unverwechselbare Lebensweise von Jugend an. Was wir über die erstaunliche Persönlichkeit des Jesus von Nazareth im Neuen Testament finden, prägt Ingeborgs Einstellungen und Handlungen zutiefst. Sie lebt ihren Glauben glaubwürdig. Liebe, Achtung, Treue und Hilfsbereitschaft kennzeichnen ihren Umgang mit ihren Mitmenschen. Überzeugender kann man nicht Zeugnis ablegen von den Grundlagen seines Lebens. Alles andere werden wir hernach erfahren.

Liebes Schwesterherz, Susanna und ich gratulieren Dir zu achtzig Jahren gelungenem Leben und wünschen Dir weiter Glück und Gottes Segen.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 12. September 2020