„Warum bist Du böse auf mich? Ich habe Dir doch gar nicht geholfen!“

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Vor Jahrzehnten schon ist mir dieses Sprich-Wort, Stich-Wort, Denk-Wort über den Weg gelaufen. Ich konnte nicht herausfinden, aus welcher Zeit und welcher Region der Welt es stammt. Das tut seiner erhellenden Wirkung aber keinen Abbruch.

 


Wie soll jemand, dem ich geholfen habe, böse auf mich sein? Wie kann ich jemandem böse sein, der mir hilft? Wem geholfen wird, der ist doch dankbar! Schön wär’s. Wenn Einer dem Anderen hilft, und das über viele Jahre immer in dieselbe Richtung, kann beim Geholfenen Groll wachsen gegen seinen Wohltäter. Weil der ihm nicht nur hilft, sondern ihn jeden Tag an seine Bedürftigkeit erinnert, seine Schwächen, seine Mängel - seine Unterlegenheit. Daraus wächst Scham. Diese kann der Beschämte überwinden, indem er sie in Aggression verwandelt.

Diese Schieflage vergiftet schon lange nicht nur die Entwicklungshilfe, sondern die gesamten Beziehungen Nord-Süd, wie auch innergesellschaftliche Verhältnisse zwischen Helfern und Geholfenen. Deren mögliche Selbstverantwortung wird untergraben, indem sie konsequent als „Benachteiligte“ apostrophiert werden (benachteiligt vom wem?). Die daraus resultierende moralische Entlastung führt weltweit zu regelrechten Wettbewerben um den attraktivsten Opferstatus. Dabei weiß jeder Erzieher, jede Lehrerin, dass drei Schwache in einer Gruppe oder einer Klasse mehr Kraft, Zeit, Zuwendung und Kosten absorbieren als zwanzig andere zusammen. Insofern werden „Benachteiligte“ bevorzugt. Die Muster wiederholen sich in Deutschland, Europa und weltweit unentwegt. Gute Menschen in Deutschland, Europa und Amerika reagieren auf diese belastenden Spannungen mit dem Mummenschanz „korrekter“ Sprache wie „Kooperation auf Augenhöhe“, „Partnerschaft“ „sozial benachteiligt“, „global benachteiligt“, um sich gemeinsam-zusammen-miteinander Sand in die Augen zu streuen.

Diese Maßnahmen können Wutausbrüche der chronisch Geholfenen hinauszögern, aber nicht verhindern. Wild lodert derzeit der Hass gegen den „Alten Weißen Mann“, „das Patriarchat“, gegen „Rassismus“ „Kapitalismus“, „Kolonialismus“ und „Imperialismus“. Der um die Welt wütende Rassismus-Vorwurf zum Beispiel ist in seiner Grobschlächtigkeit und seinem Hass falsch, unverschämt und selbst höchst rassistisch. Die geschichtslose und bornierte „Kapitalismus-Kolonialismus-Imperialismus-Theorie“ ist in ihrer unverwüstlichen Schlichtheit Verschwörungs-Theorie par excellence. Wobei das Wort Theorie unangebracht ist; denn Theoriebildung zielt auf Verstehen. Verschwörungsgeraune und -geschrei will genau dies verhindern.

Europa hat der Welt in den letzten fünfhundert Jahren mehr gegeben als genommen. Sehr viel mehr! Es ist dringend geboten, den besonderen Beitrag des Abendlandes zur Humanisierung der Welt, incl. Wachstum an Menschenrechten und technisch-ökonomischer Entwicklung in den Fokus zu rücken, um dem tobenden Irrsinn mit Vernunft und Geschichtsbewusstsein zu begegnen aber auch mit Liebe zu einer reichen, produktiven, aufklärerischen Kultur, die wir angesichts der Probleme auf der Welt heute dringender brauchen denn je.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 15. August 2020

Buchvorstellung

Buchvorstellung

Fluchtkulturen
Essays und Plädoyers 2
Auflage. Borgentreich 2021. 160 Seiten,
gebunden, Fotos, Lesebändchen. 25,00 €

 

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