15 Feb

Der Stausi-Rüssler

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

Jetzt als Podcast anhören:

Vor wenigen Tagen hat der ADAC seine Staubilanz auf deutschen Autobahnen für das letzte Jahr veröffentlicht. Wichtige Zahlen: Verkehrsteilnehmer standen 2019 insgesamt 521 000 Stunden auf deutschen Autobahnen. Rund 708 500 Staus hatten eine Gesamtlänge von 1,4 Millionen Kilometern. Das ist mehr als die dreifache Strecke Erde – Mond. Wohlgemerkt, in diesen schönen Zahlen sind die innerstädtischen Staus und die auf Bundes- und Landstraßen nicht enthalten.

Der Stausi-Rüssler

Nach Jahrhunderten Verwirrung, in denen wir die Probleme von Nähe und Distanz im Zusammenleben der Völker nicht lösen konnten, haben wir längst die endgültige Form globaler Gemeinschaft entdeckt und zur Perfektion gebracht: den Stau.

 

Waren das elende Zeiten, als wir noch in Staaten, Völker und Klassen gespalten waren. Zwei Seelen wohnten, ach, in unserer Herzensgruft. Entweder, wir riefen, "Seid umschlungen Millionen", oder, "Hängt ihn auf, hängt ihn auf, den Schuft!" Das fällt nun ab wie reife Haut von sich wieder gebärenden Reptilien. Staus ersetzen Ehe und Familie, Völker und Nationen, Klassen und Staaten. Vereine, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Bürgerinitiativen sterben ab. Alle begeben sich in den großen Stau. Und noch nie wurde eine Gemeinschaft gefunden mit so filigraner Balance zwischen Beschleunigung und Beharren, zwischen Eremitage und Massenorgie. Endlich bestimmt wieder das Sein das Sein, ohne die gefährlichen Umwege über das Bewusstsein.

Dabei stellen wir Rekorde auf! Ein Jammer, dass es niemand mehr erfährt, weil sich das Bewusstsein bereits aus der Natur verabschiedet hat. 100-km-Staus organisieren wir auf der Basis rein instinktiver, organischer Solidarität. Wenn das zu Tale donnert, findet uns kein Lawinenhund mehr.

Diese Entwicklung kann kein Zufall sein. Lang lebe der neue Mensch, der Stausi! Wie ein ganz normaler stalinoider Stasi-Schnüffler sich mit beiden Ohren an den Lippen seiner Mitmenschen festsaugt, so saugen wir uns an den Auspuffrohren unserer Vordermänner und Vordermännerinnen fest. Und einatmen, und anhalten, und ausatmen! Und einatmen, und anhalten, und ausatmen! Und einatmen, und anhalten, anhalten, anhalten... So verwandelt sich der gemeine Stausi in den Blauschillernden Stausi-Rüssler.

Da muss keiner planen, befehlen, kontrollieren und Schilder aufstellen. Wir finden den Stau mit blinder Sicherheit. Und im Stau organisieren wir uns endlich wieder nach Art allen Fleisches, nach Stämmen. Da gibt's den Stamm der A1, der A5, der A7 und die großen Familien-Clans der B2, B8, B38 - ganz wie die Ameisen im Großen Regenwald. Auch da baut ein Stamm diese Straße, ein anderer jene, ohne davon zu wissen. Es geschieht einfach.

Dass wir dabei die Ameisen, wie tausend andere Insekten, ausrotten, ist im Vollzuge der Evolution nur natürlich; denn wir sind die Re-Inkarnation der Ameisen – ja, ihre erste Inkarnation überhaupt; denn konnte bei diesen crispen Gliederfüßern von Fleischwerdung je die Rede sein? Sehen Sie, so steht der Mensch wieder an der Spitze der Evolution, um das Glück des Weltalls zu vollenden - zu Ende zu bringen.

p.s. Die Statistiken des ADAC beschreiben die Situation in Deutschland im Jahre 2019. Die Satire „Der Stausi-Rüssler“ habe ich vor 20 Jahren geschrieben...

Und nicht vergessen: Die aktuelle Stau-Hauptstadt der Welt heißt Bogotá.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag 15. Februar 2020