01 Feb

gemach gemach

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

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Nach der Lektüre meines Der Schwöbel-BLOG am Samstag vom 04. Januar, anfang immerdar, hat mich ein lieber Freund auf das schöne Adverb bzw. Adjektiv „gemach“ hingewiesen, als einer besonderen Weise, etwas ohne Hektik zu tun oder geschehen zu lassen. Das Handlungsmuster „gemach“ umfängt Bedeutungen wie „besonnen“, „ruhig“, „entspannt“, „überlegt“, vielleicht auch „cool“. Dabei wächst „gemach“ aus dem Wortfeld „machen“, ist also keineswegs inaktiv. Wir können es als Gegenpol zu hektisch, panisch, aktionistisch verstehen: In der Ruhe liegt die Kraft - besonders wenn‘s pressiert.


Das Gemach als Raum ist ein Rückzugsort, in dem wir zur Ruhe und zu uns selbst kommen können. Es klingt etwas Edles an und ist deshalb kostbar in Zeiten, in denen das Vulgäre, Distanzlose, Oberflächliche, Laute, Unhöfliche um sich greift. Dass der Wohn- und Ruheort Gemach und das Adverb gemach aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch fast verschwunden sind, sagt viel über die aktuellen Geisteszustände, nicht zuletzt über unser ökologisches Bewusstsein; denn die allgegenwärtige Beschleunigung ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Kürzlich hat eine Geistesleuchte gefordert, den Anstieg des Meeresspiegels „sofort zu stoppen“... Angst- und Ohnmacht entladen sich in Allmachtsphantasien. Die objektive Lage wird dadurch umso gefährlicher.

Das Gretchen von Stockholm fordert den sofortigen Stopp der CO2-Emissionen. Gleichzeitig verdammt sie ökonomisches Wachstum. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass Gretchen und die Gretchen-Flüsterer von Ökonomie (und damit auch von Ökologie) nichts verstehen, dann hätten sie ihn hiermit erbracht. Die Verlangsamung des Klimawandels, von der wir nicht wissen, ob sie gelingen kann, besonders aber die weltweiten Leistungen zur Anpassung an Folgen des Klimawandels (mit recht guten Aussichten, wenn wir gemach das Richtige tun), brauchen Wachstum – vor allem geistiges: Wissenschaft, Forschung, Erfindungen, Bildung, Investitionen. Ohne geistiges und psychisches Wachstum kann der überschießende Verbrauch von Materie und Energie nicht zurückgedrängt werden. Und: Wenn Milliarden Bäume gepflanzt werden, schlagen auch sie im Brutto-Inlandsprodukt (BIP) der jeweiligen Länder als Wachstum durch. Wachstum ist nicht an sich von Übel. Es kommt darauf an, was wächst und was schrumpft.

Besonders grausen muss uns vor dem Wachstum Künstlicher Dummheit (KD) im Sinne Immanuel Kants. Dummheit nämlich als selbstverschuldete und systematisch erzeugte Unmündigkeit, als trotzige Weigerung, gut Verstehbares zu verstehen. Wer muss da nicht an die weiland demokratietüchtige SPD denken. In ihrer Agonie ist ihr der klare Geist Thilo Sarrazin ein Dorn im Auge, den sie auszureißen trachtet – statt sich seine analytische Kompetenz wie auch die vieler anderer Aufklärer zunutze zu machen.
 

Wer weiß, vielleicht hat das Gretchen von Stockholm doch nicht ganz unrecht. Womöglich denkt sie bei ihrer Tirade gegen Wachstum ans Bevölkerungswachstum. Wenn dieses nachlassen würde, wäre viel gewonnen. Und wenn dann noch gewisse um sich schlagende Religionen und Ideologien schrumpfen würden, und statt dessen der Geist und der Mut der Aufklärung weltweit wachsen würden - auch als Wirtschaftskraft – dann könnten wir uns vielleicht eines Tages bei einem trockenen Châteauneuf-sans-Pape in den Armen liegen und flüstern, lachen, schreien, tanzen, schluchzen: WIR SCHAFFEN DAS!

Der Schwöbel-BLOG am Samstag 01. Februar 2020