28 Dez

Denkend überschreiten - Überschreitend denken

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

Immanuel Kant ist vielleicht der bekannteste, aber nicht der einzige Denker, der leidenschaftlich gerne beim Gehen dachte. Gehen, Schreiten, Laufen und Denken sind Bewegungen, die einander beflügeln können. Auf einem Spaziergang in Feld, Wald und Flur, auf einem Friedhof, im Park, am Fluss, am See können Verstehen und Poesie gedeihen. Der Geist bewegt den Körper. Der Körper bewegt den Geist.

Danken - Denken
Denken und Danken wachsen in den germanischen Sprachen aus der selben Sprachwurzel. Wenn ich mich bei jemandem bedanke, sage ich ihm, ich denke an Dich. Ich werde nicht vergessen, was Du mir Gutes getan hast.



Zeit-Bojen im Meer der RaumZeit
Zeit und Raum bilden einen unendlichen Ozean – die RaumZeit. Weil der Mensch im Uferlosen nicht leben kann, schafft er künstliche, das heißt kulturelle Markierungen: Millimeter, Zentimeter, Meter, Kilometer, Meilen. Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre. Geburtstage, Gedenktage, Feiertage. Kulturen unterscheiden und finden sich an ihren großen Zeit-Bojen im Meer der RaumZeit: Weihnachten, Chanukka, Jom Kippur, Purim, Fasnacht, Pessach, Ostern, Pfingsten, Silvester, Neujahr, Rosch ha Schana... um nur einige aus unserem jüdisch-christlichen Universum zu nennen.

Besonders Silvester empfinden viele als reale Schwelle. Wenn wir nachts um zwölf die imaginäre Grenze überschreiten, kommen wir im Neuen Jahr an wie in einem neuen Land. Natürlich ist das eine Illusion. Mutter Erde, die arm Krott, ist im neuen Jahr die selbe wie im alten. Und wir sind die selben – der alte Adam, die alte Eva - krummes Holz (Immanuel Kant), wie eh und je.

Denken heißt überschreiten: Transzendenz
Nun der Satz, der mich auf diesen Denk-Gang gelockt hat: Der große jüdische Philosoph aus unserer geliebten Schwesterstadt Ludwigshafen, Ernst Bloch, sagt: Denken heißt überschreiten. So steht es in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ und auf seinem Grabstein in Tübingen. Was überschreiten? Gewohnheiten, Gewissheiten, Vorurteile, Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit, Dummheit, Angst. Das Hier und Jetzt.

Natürlich brauchen wir in der unendlichen RaumZeit auch Gewohnheiten, Verlässlichkeiten, Regeln, Horizonte und Bequemlichkeiten. Sonst gehen wir unter. Wer glaubt, er könne sich und die Welt jeden Tag neu erfinden, überschätzt sich gewaltig. Aber, wir dürfen uns von unseren legitimen Lebenshilfen nicht das Denken abnehmen lassen!

Susanna Martinez und ich wünschen Euch und Ihnen einen fröhlichen und friedvollen Übergang ins Jahr 2020 – ohne das menschen-, tier-, natur- und geistfeindliche Ballern, Nebelwerfen und Stinken. Irgendwann müssen wir damit aufhören. Warum nicht jetzt?

Danke für Ihre, für Eure Treue. Im neuen Jahr werden wir uns wieder sehen, wieder lesen, einander aufrichten und begleiten. Bleiben wir neugierig. Wir dürfen Denken und Lachen und Lieben und Danken nicht verlernen. Glück und Segen für 2020. Schana towa! Schalom un allaa donn. Nur Mut.

Der Schwöbel-BLOG am Samstag, 28.12.2019