23 Nov

Das Grab - Wiege der Menschheit

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel

An der Wiege der Menschheit steht das Grab. Lebewesen, die ihre Toten nicht einfach liegen lassen und beginnen, sie in Würde beizusetzen, ihnen Grabbeigaben anzuvertrauen und die Grabstätte zu schützen, sind die ersten Menschen. Rituelle Bestattungen gehören zur Menschwerdung wie das Nutzbarmachen des Feuers, das Schaffen von Werkzeugen (darunter auch Waffen), das Domestizieren von Tieren und die Entwicklung menschlicher Sprache.


Das Grab steht am Beginn der Zivilisation

Die Toten brauchen das alles nicht. Sie brauchen keinen Sarg, kein Grab, keinen Friedhof. Aber die Lebenden brauchen es umso mehr. Kulturen, die ihre Ahnen-, Trauer- und Gedenkkulte verlieren, verkommen. Die Lebenden brauchen den achtungsvollen Umgang mit dem Tod, wie Lachen und Weinen, wie Wasser und Brot. Das menschliche Bewusstsein ist von Beginn an als religiöses, historisches und utopisches angelegt. Gegenwart. Jenseits. Vergangenheit. Zukunft.

Die einzig physikalisch reale Zeit ist die Gegenwart. Die immerwährende, die unaufhörliche Gegenwart. Zukunft, Vergangenheit und Transzendenz dagegen sind Konstrukte, man könnte auch sagen Projekte des menschlichen Geistes. Und deshalb besonders wertvoll für andauernde und tägliche Menschwerdung. Sie sind nicht weniger real als das Materielle, aber ihre Realität ist eine andere – eine geistige eben.

Transzendenz ist in Allem

Manche meinen, man sollte Kindern und Jugendlichen die Begegnung mit Krankheit, Sterben und Trauer nicht zumuten. Dem kann ich nicht zustimmen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene brauchen Erfahrungen mit dieser Seite des Lebens für gelingende Persönlichkeitsentwicklung. Wo Menschen verrohen, hat das auch damit zu tun, dass ihnen Erlebnisse der Transzendenz vorenthalten, nicht zugemutet werden. Wer nur glaubt, was er sieht, was er kaufen, verzehren, wegschmeißen und manipulieren kann; wer nur weiß, wie man rabatzt - wie soll der Anstand, Glauben, Wissenschaft und den Nächsten lieben lernen?

Menschen brauchen zu ihrer Kultivierung die Einsicht, dass man nicht immer, überall und gegenüber jedermann, jederfrau alles machen kann. Ohne die Erfahrung, dass es Orte, Zeiten, Situationen und Begegnungen gibt, die heilig sind, die man gar nicht oder nur ganz behutsam berühren darf, entsteht keine moralische Struktur, keine Vorstellung von Würde, die es zu achten gilt.

Moralische Kompetenz kann nicht wachsen ohne Demut vor der Endlichkeit und Verletzlichkeit des Lebens. Wer nicht lernt, auch mal leise zu sein, mal längere Zeit stillzusitzen und zuzuhören, besondere Orte, Zeiten und Zustände besonders zu achten; wer nicht lernt, hin und wieder im wörtlichen wie im übertragenen Sinne auf Zehenspitzen zu gehen, bildet Persönlichkeits-, Emanzipations- und Integrationsdefizite aus, die ihm schaden und allen, die es mit ihm zu tun bekommen.