Fetisch Vielfalt?

Geschrieben von Prof. Dr. Hans-Peter Schwöbel
on 06. Dez
Die meisten Mannheimer wie die weit überwiegende Zahl der Deutschen, heißen kulturelle Vielfalt seit gut siebzig Jahren nicht nur willkommen, sie gestalten sie aktiv im Geiste der Aufklärung und unserer Verfassung. In den letzten Jahren aber hat „Vielfalt!“ einen Klang angenommen, der mich an das Wort „Freundschaft!“ (...mit der Sowjet-Union) weiland in der DDR erinnert.

Es kommt als leibhaftiges Ausrufezeichen daher und duldet keine Fragezeichen.

Freundschaft wie Vielfalt können kostbare Beziehungen beschreiben. Aber sie können nicht verordnet, sie müssen gewollt und gestaltet werden. Dies geht in einer Demokratie nicht ohne kontroverse Diskussionen. Undifferenziertes Beschwören von „Vielfalt!“ kann zur Leerformel, zum Fetisch erstarren. Das Schlag-Wort ist keine Garantie gegen Ignoranz, Intoleranz und Menschenverachtung. Auch Vielfalt muss sich kritischen Fragen nach Inhalt und Qualität stellen. „Vielfalt“, die mit wachsendem Antisemitismus, mit Frauenverachtung, mit Homophobie, mit Geringschätzung weltlichen Rechts einhergeht; „Vielfalt“, die auf Kritik an Religion mit Drohung und Gewalt reagiert; „Vielfalt“, die alte Grenzen durch eine Masse neuer Grenzen zu ersetzen droht; „Vielfalt“, die lebenswichtige Vielfalt in der Natur, in Feldern und Wäldern, in Gärten und Parks ausräumt und die Erde verbraucht und versiegelt; „Vielfalt“, die gewachsene kulturelle Vielfalt einebnet, ist kein Segen.

Bei jedem Beitrag zur gesellschaftlichen Vielfalt ist entscheidend, ob er gedanklich, moralisch, ästhetisch, gesellschaftlich gut ist und kritisches Fragen ermutigt - und ob er gut umgesetzt wird. Scheinbare Vielfalt kann sich als Einfalt entpuppen und scheinbare Einfalt als Vielfalt. Fragen nach Inhalt und Form, nach Qualität und Quantität, nach dem Ist-Zustand und nach möglichen Perspektiven der Faktoren, die unser individuelles und gemeinschaftliches Leben beeinflussen, können wir nur in offenen Diskussionen bearbeiten und beantworten – ohne Desinformation, Einschüchterung, Ausgrenzung und üble Nachrede.

Was wir nicht brauchen, sind selbsternannte Wächter- und Kontrollräte, die ohne demokratische Legitimation für andere entscheiden, was diese sehen und sagen, lesen, hören und denken dürfen. Ebenso wenig brauchen wir den öffentlichen Pranger, dessen populistische Dynamik längst rechtsstaatliche Strukturen untergräbt. Wir wollen nicht vergessen, dass (nicht nur) in Europa der Pranger über Jahrhunderte Millionen Menschen entrechtete. Und dass seine menschenverachtenden Muster im letzten Jahrhundert von stalinistischen und faschistischen Mächten reaktiviert wurden.

WOCHENBLATT Mannheim

29. November 2018